Rassismus in den USA

Am 2. Februar 2020 gab es ein Spektakel – wie jedes Jahr. Wenngleich meine geliebten Pittsburgh Steelers dieses Jahr eine pausierten und anderen den Vortritt ließen, fühle ich mich immer besonders unterhalten, wenn der Super Bowl Sunday medienwirksam zelebriert wird. Es bleibt auch hier nicht aus, sich politisch zu äußern. Der Super Bowl überdeckt viele Schattenseiten. Exzessive Gewalt der Sportler gegen ihre Partner, Drogen- und Dopingkonsum sowie gefährliche Kopfverletzungen rücken immer wieder in den Fokus und dann wieder heraus. Das ist wahnsinnig traurig und enttäuschend. Für heute möchte ich jedoch ein anderes Thema hervorheben, da es mir besonders am Herzen liegt: Colin Kaepernick.

Der ehemalige Quarterback der 49ers kommt mir jeden Tag in den Kopf, wenn ich sehe, wie sie nun mit Jimmy G. einen Sieg nach dem anderen feiern. Kaepernick ist in Wisconsin geboren und in meinem Alter. Nach seiner College Zeit in Reno wurde er 2011 gedraftet und stand bereits 2013 im Super Bowl. Die Niederlage war denkbar knapp, nachdem in New Orleans der Strom ausgefallen war, hatten die 49ers sich herangekämpft, verloren am Ende dennoch. So viel zum Sportlichen, die Wende kommt 2016.

Colin Kaepernick kniet während der amerikanischen Nationalhymne. Und die Reaktionen waren laut. Ein Affront, eine Schande, peinlich. Oder um es mit den Worten des „ehrenhaften“ Präsidenten der USA zu sagen: „son of bitch“ (https://www.youtube.com/watch?v=oY3hpZVZ7pk). Die Mutter antwortet fröhlich mit: „That makes me a proud bitch“ – Eine stolze Schlampe (https://www.buzzfeednews.com/article/remysmidt/proud-bitch).

Wenn man die wirklichen Gründe betrachtet, dann haben die nichts mit der Hymne, der Flagge oder dem Militär zu tun. Dies ist lediglich ein Mechanismus der Verlogenen, deren Kenntnis von Wert die Equivalenz von Null ist. Kaepernick protestiert die Polizeigewalt, die sich oft gegen Schwarze richtet. Beispiele? Aber mit Trauer:

Philando Castile, 32 Jahre, 06.07.16

Im Auto von der Polizei bei laufender Kamera und vor dem eigenen Kind erschossen. Freispruch.

Eric Garner, 43 Jahre, 17.07.14

Beim Handschellen anlegen zu Tode gewürgt, nachdem er mehrfach sagte, er könne nicht atmen. Polizist vorher mehrfach als rassistisch angeklagt. Freispruch.

Trayvon Martin, 17 Jahre, 26.02.12 –

Kauft Skittles, geht nach Hause und wird von der Nachbarschaftswache erschossen. Freispruch.

Wen wundert das, wenn der orange Mann im Oval Office sagt, dass die Central Park Five (fünf Schwarze, die jahrelang unschuldig wegen einer Vergewaltigung im Gefängnis saßen – und deren Unschuld nachgewiesen wurde) die Todesstrafe verdienen. Nachdem bekannt wurde, dass sie unschuldig waren (https://www.nytimes.com/2019/06/18/nyregion/central-park-five-trump.html). Dieses Vorbild zeigt, was der rechte Mob in den USA hat, einen Anführer, der legimitiert, der ihrem Verhalten Vorbilder gibt. Die Polizeigewalt ist real und sie ist eine Schande für die USA. Je nach Zählart machen die Schwarzen knapp 12 % der Bevölkerung aus, auch wenn der Pöbel denkt, es seien bis zu 50 % – unfassbar (https://news.gallup.com/poll/4435/public-overestimates-us-black-hispanic-populations.aspx). Gleichzeitig zeigt die Statistik, dass die Schwarzen knapp 25 % der Todesopfer durch die Polizei ausmachen. Eine solche Diskrepanz ist kein Zufall – und natürlich sind Schwarze nicht gefährlicher als alle anderen Menschen.

Es ist demnach gerechtfertigt, auf diese Missstände hinzuweisen. Der systematische Rassismus, der den Menschen dort – und teilweise hier – täglich begegnet ist unerträglich. Beinahe jeden Tag sehe ich in den Nachrichten, dass es irgendwelche Probleme, Verletzten oder gar Todesfälle gibt. Kapernicks Protest führt schließlich zu seiner Entlassung durch die 49ers. Einmal haben sich die weitestgehend weißen Besitzer der NFL-Teams zur Solidarität hinreißen lassen, so kniete selbst Jerry Jones (Besitzer der Dallas Cowboys, dem „American Team“). Die wahre Fratze zeigte sich kurz danach, denn anschließend wird festgelegt, dass Proteste während der Hymne bestraft werden (https://www.nbcnews.com/news/us-news/nfl-announces-new-national-anthem-policy-fines-teams-if-players-n876816). Getreu dem Motto: „Wir tun freilich so freundlich und danach geht es ab in die Reihe ihr rechtlosen Gefolgsleute.“ Die NFL ist ein privates Unternehmen und hat dadurch viele Freiheiten, die erlauben, solche Strafen auszusprechen, ohne dass „the 1st amendment“ eingeschränkt wird. Dort wird jedem US-Bürger freie Meinungsäußerung zugesichert. Problematisch, jedoch für die legal. Wenn ich dagegen vorgehen möchte, dann muss ich die NFL boykottieren – und das sollte ich, wenn es mich so sehr stört.

Nach seiner Entlassung verklagte die Nr. 7 die NFL darauf, sie hätte sich gegen ihn verschworen, da er nach seinem Protest keinen neuen Verein gefunden hat. Zwar gibt es kein gerichtliches Urteil, dass die NFL offiziell als „Verschwörer“ bezeichnet, doch der Fall wurde vorab „gesettled“. Unklar ist, wie viel Geld die NFL zahlt, allerdings ist es ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Anklage sinnvolle Argumente und Beweise in der Hand hatte. Die NFL ist dafür berüchtigt, ihre Spieler im Gericht hart zu behandeln, dieser Zuspruch an Kaepernick verrät mehr, als sie sich wünschen. Ein Sieg auf juristischer Ebene (https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2019/02/colin-kaepernick-won-his-settlement-nfl/582994/). Und Kaepernick hat auch die Menschen hinter sich. Seine Kampagne mit Nike kam 2018:

„Believe in something. Even if fit means sacrificing everything.“

„Glaube an Etwas, auch wenn es bedeutet, dass man alles opfert.“ Und die Reaktion an der Wall Street? Nike hat sich verzockt. Mit so jemandem würde man es sich verdaddeln.

Aber die Realität sieht anders aus:

Nike erreicht Rekord nach Rekord – und das nicht nur in Nordamerika. Vor allem die Jugend ignoriert es nicht nur, sondern unterstützt Nike und Kaepernick als revolutionär. Selbst die deutschen Medien berichten über die erfolgreiche Kampagne: https://www.sport1.de/us-sport/nfl/2018/09/werbekampagne-um-colin-kaepernick-beschert-nike-grossen-erfolg.

Kaepernick wäre auch jetzt noch bereit. Davon spricht er zumindest. Bei einem versuchten Work-out gab es erneut Krach mit der NFL. Ich kann nicht für eine der beiden Seiten sprechen, es bleibt aber nicht von der Hand zu weisen, dass es Teams gibt, die dringend einen Quarterback benötigen (https://www.zeit.de/sport/2019-11/colin-kaepernick-nfl-probetraining-free-agent/seite-2). Der Artikel stammt aus dem November, die Sicht ist leicht verändert. Die angesprochenen Bengals werden Joe Burrow aller Wahrscheinlichkeit nach verpflichten. Der junge QB von der Louisana State University brach kürzlich alle Rekorde und gewann den wichtigsten Pokal im College Football. Anschließend wird er als der perfekte Profi beschrieben (https://www.ran.de/us-sport/college-football/news/joe-burrow-kroenender-abschluss-einer-legendaeren-saison-140989). Ich empfinde es nicht als perfekt, sich nach dem Sieg in arrogantester Pose mit Zigarre zu zeigen. Dieser Junge ist erfolgreich und talentiert, aber es muss auch klar sein, dass er seit der Jugend wichtigste Unterstützer hatte und so seinen Weg gehen konnte. Nun ist er „the next big thing“. Lamar Jackson hingegen wurde nahegelegt, er solle lieber Running Back spielen, obwohl seine Werte als Spielmacher exzellent sind. So Fuck off. Es kann mir keiner erzählen, dass dies alles Zufälle sind und nicht systematische Barrieren zu Grunde liegen. Nie im Leben reichen die Worte aus, um dieses System zu zerlegen und aufzudecken, aber die Hinweise sind da. Und dagegen müssen wir vorgehen.

Trotz aller Widerstände hat dieser Sportler seinen Beruf aufgegeben. Mir ist natürlich bewusst, dass er immer noch sehr wohlhabend und abgesichert und prominent ist – aber dennoch verlangt es Mut, diesen Schritt zu gehen und dafür bewundere ich Colin Kaepernick als starke Persönlichkeit, die zu ihrem Standpunkt steht. Bewundernswert. Die Chance, dass er je wieder spielt ist mikroskopisch gering, aber er hat ein Zeichen gesetzt, eine Idee gestärkt. Eine Symbolhaftigkeit geschaffen und eine gesellschaftliche Diskussion angeregt.

Mir ist ebenfalls bewusst, dass wir in Deutschland und Europa wenig ausrichten können, um die Polizeigewalt in den USA zu verhindern. Allerdings können wir wohl gegen solch systematischen Probleme vorgehen, denn die gibt es hier auch. Dabei rede ich nicht nur von Minderheiten, sondern von allen Gruppen, die historisch gesehen benachteiligt wurden. Dazu zählt für mich auch, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Und so spannen wir den Bogen vom Sport, den ich so liebe zu Themen, die ich so verabscheue. Die Ungerechtigkeit im Leben.

Wenn ihr demnächst – wie ich – die NFL genießt, reflektiert doch einmal darüber, wie leicht uns der Sport von Problemen ablenken kann … und wie wir uns dagegen stellen können.

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