#FeeltheBern

Bereits zum fünften Mal versuche ich nun, einen Text über Bernie Sanders zu verfassen. Während des Wahlkampfs viel es mir schwer, alle Gedanken zu greifen und zu formulieren. Ich hoffe, dass ich nun etwas klarer auf die Situation blicken kann. Der ehemalige Bürgermeister einer Kleinstadt in Vermont vertritt diesen Staat seit 2007 im Senat. Zuvor war 16 Jahre lang Kongressabgeordneter. Und seit einigen Tagen ist er zweimal mit seiner Präsidentschaftskandidatur gescheitert. Das ist für viele der richtige Weg. Die „Süddeutsche“ findet, dass „Demokraten froh sein können, dass das Theater vorbei ist“. Im „Spiegel“ heißt es, das war „überfällig“. Ich stimme diesen Aussagen insofern zu, dass Bernie Sanders die Vorwahlen nicht mehr gewinnen konnte, weil sein Rückstand an Delegierten zu groß ist. So weit, so schlecht.

Ich möchte nur kurz andeuten, dass die Demokratische Partei alles getan hat, um seine Präsidentschaft zu verhindern.

https://www.usnews.com/news/elections/articles/2020-02-25/everybody-in-the-establishment-hates-bernie-sanders

https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/jan/31/bernie-sanders-election-trump-democratic-establishment

Die Medien stehen in derselben Ecke, indem sie ausführliche Berichte gegen den Politiker veröffentlichten. Politico, CNN und weitere Outlets haben kontinuierlich daran gearbeitet, klarzumachen, dass es keinen Präsident Sanders geben darf. Damit waren sie erfolgreich, eine traurige Wahrheit, mit der wir alle leben müssen. Innerlich brauche ich sicher noch Zeit, das zu verarbeiten, aber ich es soll hier kein Groll-Eintrag entstehen, in dem auf alle geschimpft wird, denn ehrlicherweise muss man anerkennen, dass die Kampagne auch nicht alles richtig gemacht hat und am Ende den Kampf um die Delegierten verloren hat.

Meine Gedanken möchte ich aber dennoch positiv formulieren, denn Bernie Sanders hat meine Wahrnehmung von Politik grundlegend verändert. Tatsächlich weiß ich gar nicht mehr genau, wie ich auf ihn gekommen bin. Im Jahr 2015 hat der derzeitige Präsident der USA mit demagogischen Aussagen für Aufmerksamkeit gesorgt und während meiner Recherche der Liste seiner Herausforderer, die auf der demokratischen Seite sehr kurz war, fiel mir der grauhaarige Mann auf. Das demokratische Establishment hatte Hillary Rodham Clinton als auserwählt dargestellt. Es sei nur natürlich und gerecht, dass sie nach ihrem zweiten Platz in den Vorwahlen von 2008 nun die Kandidatur gereicht bekomme. Bernie Sanders hingegen hatte ein geringes nationales Profil und war weitgehend unbekannt. Der progressive Senator versuchte zuerst, Elizabeth Warren zu überzeugen, als diese ablehnte, entschied er sich, die etablierten Kräfte herauszufordern. Seine Begründung basierte auf den konservativen Inhalten der Clinton-Kampagne. Ihm war es wichtig, die politische Linke vertreten zu wissen. Er selbst beschreibt sich als Sozialistischer Demokrat, wobei hier eine klare Linie gezogen werden muss. „Sozialistisch“ in den USA ist nicht identisch mit sozialistischen Vorstellungen in Europa. Bernie Sanders strebt eine gesetzliche Krankenversicherung, Elternzeit, staatliche Universitäten ohne Studiengebühren und mehr erneuerbare Energien an, um seine progressive Agenda umzusetzen. Solche Vorschläge sind in beispielsweise Deutschland keineswegs „sozialistisch“, sondern der Alltag. Die Bezeichnung als Populist ist ebenfalls mit Differenzierung zu nutzen, denn in den USA sind Populisten der Wortherkunft nah, sie sind „popular“, im Volk beliebt. Donald Trumps Agenda gilt nach unserem und deren Verständnis als populistisch – kann aber nicht eindimensional betrachtet werden. Verlogen forderte auch Trump eine gesetzliche Versicherung, ein Ende des Irakkrieges und eine Reform des Wahlsystems, damit kam er im Volk an. Vergleichen kann ich die beiden dennoch nicht, denn Bernie meint es ernst, Trump nicht.

Wir haben also einen progressiven Senator, der vorrangig das Ziel verfolgt, politische Inhalte umzusetzen und die aktuelle Politik zu beeinflussen. Das zeigt einen Gegensatz zu Hillary Clinton, die einfach gerne Präsidentin wäre (für die Quelle schau im vorherigen Eintrag nach). Ein solch demütiges Wesen war mir sofort sympathisch. Ich begann mich mehr zu interessieren. Eine Debatte, einige Youtube-Videos und viele Schlagzeilen später war ich Feuer und Flamme für diesen Mann.

Die deutschen Medien hielten sich weitgehend zurück, berichteten regelmäßig nur von Trump und Clinton. Ich habe mich eingelesen und die Quellen überprüft, so wie man es macht. Es gibt das Zitat, dass es für jeden Fehler der USA ein Video gibt, in dem Bernie dafür plädiert, ihn nicht zu machen. Dazu zählt zum Beispiel der Irakkrieg (https://www.youtube.com/watch?v=_om-x323Em0). Bernie kritisiert den Irakkrieg vehement und vertritt allgemein die Ansicht, dass die USA nicht die Weltpolizei spielen darf. Kritiker sehen das als isolationistisch, doch bei einer Betrachtung aller Konflikte und der Verteilung des US-Militärs weltweit bemerkt man schnell, dass mehr Zurückhaltung und Truppenabzüge – in geregelter Form – hilfreich sein können. In den heutigen Zeiten fällt es uns leicht den Krieg im Irak zu kritisieren, viele Politiker haben sich mittlerweile davon distanziert. Zwei prominente Figuren, die diesen Konflikt mit Waffengewalt lösen wollten, sind Hillary Clinton und Joe Biden. Beides Kandidaten für die Präsidentschaft, sie 2016, er in 2020. Die Motivation Sanders‘ wird deutlich, wenn man sieht, welche Favoriten im Rennen waren. Die progressive Stimme sollte gehört werden. Diese Katastrophe liegt nun schon viele Jahre zurück, doch wenn wir uns Bernies Politik genauer anschauen, so wird deutlich, dass seine Überzeugungen auch davor idealistisch und richtig waren. Bereits in den 90ern war Bernie auf der Seite der LGBTQ-Community (https://www.youtube.com/watch?v=_2R74OOv_S0). Er verteidigte die Menschen in der Armee, die damals harsche Konsequenzen fürchten mussten, wenn man sich outete. Wir sehen uns heute gern als offenere, tolerante Gesellschaft, jedoch ist die offizielle Position des Deutschen Fußball Bundes immer noch, dass schwule Profifußballer sich nicht outen sollen. Die fucking offizielle Position. Und die USA sind noch viel konservativer als wir. Die Stellung der Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Präferenzen ist immer noch nicht gleichberechtigt, sondern weit davon entfernt. Das Video ist fast 30 Jahre alt – und Bernies Worte zeigen, dass er auch unpopuläre Meinungen vertritt, wenn er sie für richtig hält. 30 Jahre später sind wir viel näher an seiner Position, weil er Recht hatte. Wenn wir dann noch einen Schritt weiter gehen wollen, finden wir Bernie Sanders, als er für die Rechte der Schwarzen eintritt (https://www.youtube.com/watch?v=mFkIILjflT8). 1963. Er ließ sich aus Protest und Solidarität verhaften. Er riskierte sein Leben für die Gleichberechtigung der Schwarzen. Vor wenigen Monaten noch argumentierte Joe Biden, dass er sehr gerne mit Strom Thurmond zusammengearbeitet hat. Thurmond redete einst 24 Stunden dagegen an, das Wahlrecht der Schwarzen besser zu schützen. 24 Stunden lang. Mehr muss man dazu nicht sagen. Ich vergleiche diese beiden Männer immer wieder, denn Joe Biden gilt in der Demokratischen Partei als Vorbild, Star und Idol. Bernie Sanders ist der nörgelnde Alte, der Miesmacher und Ungehorsame. Wenn ich mir aber die Inhalte und Glaubwürdigkeit anschaue, schlägt Bernie Sanders alle. Und ich meine alle. Bernie ist der beliebteste Politiker, der noch aktiv ist. Nach Obama und Carter (ehemalige Präsidenten genießen immer einen Bonus) und Schwarzenegger, der lediglich ab und zu Videos hochlädt. Die entsprechende Studie findet man unter: https://today.yougov.com/ratings/politics/popularity/politicians/all. Dazu gilt er auch als der ehrlichste Politiker: https://www.newsweek.com/more-voters-believe-bernie-sanders-most-honest-candidate-all-democratic-contenders-poll-finds-1484626 – wer kann das schon von sich behaupten? Die Menschen glauben vielleicht nicht daran, dass er die Präsidentschaft gewinnen kann, aber sie glauben ihm. Seine Auftritte im Nachhinein zeigen, dass ihm das wichtiger ist, denn kurz nach dem Ausstieg, wendete er sich den zentralen Themen zu. Hillary Clinton ist seit ihrer Niederlage nur online präsent, wenn sie Bernie Sanders beschimpft. Dieser hingegen lässt seine Mitarbeiter bis zum November auf der Gehaltsliste, um ihnen eine Krankenversicherung zu ermöglichen. Alles, was er tut, entspringt seiner Überzeugung. Ich kann ihn durchaus auch kritisieren, weil er 2016 zu wenig konkrete Inhalte zur Außenpolitik gegeben hat oder weil er zu lasch bei Waffengesetzen in Vermont zu Werke geht, doch am Ende des Tages bleibt, dass Bernie Sanders ein gutes Herz hat, versteht, was die Menschen brauchen und dass er erkennt, welche Probleme die Gesellschaft bedrängen: Klimawandel, Gesundheit und Reform der Finanzierung von Wahlen.

Mit diesen Positionen und seiner Aufrichtigkeit hat Bernie Sanders die Jugend mobilisiert (wenn auch nicht genug, um die alten Konservativen zu überstimmen). Seine Auftritte ähnelnd denen von Rockstars und er findet treue Anhänger unter Prominenten wie Cardi B oder Mark Ruffalo. Der einzig kleine Hoffnungsschimmer ist, dass die Jugend seine Ideen in die Zukunft trägt und daraus lernt, falls es eine Zukunft gibt. Vier weitere Jahre Trump wären ein düsteres Zeitalter. Vier Jahre Biden sind nicht besser, denn wenn sein Versprechen ist, dass alles wie vor Trump wird, dann müssen wir bedenken, was nach Obama/Biden kam… Herzlichen Glückwunsch. Der Alptraum geht somit weiter. Wir können nur hoffen, dass sich irgendwann eine Bewegung formiert, die neue Wege findet und das System überarbeitet, damit die Welt nicht am Klima und auch nicht an den Finanzen zu Grunde geht. Das ist eines meiner Ziele und es wurde durch diesen Mann inspiriert und ich kann mir nichts Größeres vorstellen, als seine Ideale in die Zukunft und die Welt zu tragen, um mit ihm daran zu glauben, dass es besser werden kann und wird.

Danke dafür, Bernie.

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