Öffnung der Schule?

Zwar habe ich mich bereits zum #Lockdown geäußert und Stellung bezogen, aber die aktuelle Situation verlangt, dass ich noch mehr dazu schreibe. Die Zahlen für Deutschland sehen vielversprechend aus und man spricht von einem „zerbrechlichen Erfolg“ (Angela Merkel). Dieser Erfolg bezieht sich vor allem auf die Reproduktionsrate von 0,7. Das bedeutet, dass ein Mensch derzeit weniger als einen weiteren Menschen ansteckt https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-rki-nennt-aktuelle-reproduktionsrate-von-0-7.2932.de.html?drn:news_id=1121472.

Leider sehe ich nicht nur in meiner Twittertimeline Kommentare, dass nun alles zur Routine zurückkehren kann. Ich kann diese Menschen verstehen, denn Routine gibt uns Halt und Struktur. Doch die wirkliche Wahrheit finde ich schnell in einer Karikatur:

„Die Infektionszahlen sinken, wir können wieder alles öffnen.“

„Der Fallschirm hat meinen Fall verlangsamt, ich kann ihn nun abnehmen.“

Es ist wie eingangs erwähnt nur ein Zwischenerfolg und wir müssen weiter daran arbeiten. Die wirtschaftliche Seite vor allem drängt darauf, dass Läden wieder öffnen dürfen. Und die Bundesregierung geht einen Schritt in diese Richtung: Geschäfte bis 800m² dürfen wieder öffnen. Ich meine, da kann es Gedränge geben, aber wen kümmert das? Hauptsache bleibt, dass ich wieder bei H&M einkaufen kann. Ich verstehe Gastronomen wirklich und ich kenne genug Menschen, die unter der Situation leiden, arbeitslos geworden sind oder mit allen Ersparnissen über die Runden kommen müssen, doch ich frage provokativ: Müssen die großen Ketten wieder öffnen? Wenn ich recherchiere, sehe ich, dass viele Unternehmen Milliarden Gewinne erzielen – und wenn ich über Jahre so erfolgreich bin, dann sechs Monate wegbrechen und ich mein Geschäft am Rand des Ruins finde, habe ich etwas falsch gemacht. Wir reden hier über Gewinne, Erlöse, über Geld, welches ein Plus darstellt. Es wird nur einmal mehr deutlich, dass die Umstrukturierung und Umverteilung besser gestaltet werden muss. Unternehmen brauchen Vorgaben, um sie auf solche Situationen vorzubereiten, wenn sie es selber nicht können. Mir braucht keiner mit der „unsichtbaren Hand des Marktes“ kommen, wenn ich ich eine boomende Wirtschaftsmacht bin, die in Geld und Ressourchen schwimmt, wie Deutschland es macht, dann kann eine Krise von einigen Monaten nicht das Land dem Untergang weihen. Das darf nicht passieren.

Nun stehen wir aber hier und wissen nicht weiter und öffnen stattdessen mehr Läden und das bringt mehr Menschen in den Alltag – und die direkte Reaktion ist, dass die Schulen wieder öffnen sollen. Die Kitas sollen nur zur Notbetreuung öffnen, weil sich die Kleinen noch nicht so gut an die Regeln halten können, aber Grundschüler und 5. und 6. Klässler? Aus eigener Erfahrung kann man nur zu einem Schluss kommen: das ist nicht praktikabel. Die Phrasen wie Klassenaufteilung, viel Hygiene und Distanz durch kleine Lerngruppen klingen schön, sind aber in der Realität nicht umsetzbar. Ich kann diese Schülerinnen und Schüler schlicht nicht so beaufsichtigen, dass die Infektionsrate weiter unten bleibt. Das Risiko ist zu hoch.

Hygiene klingt in diesem Zusammenhang wie purer Zynismus. Wir reden über Schulen, die jahrelang unterfinanziert waren. Wir reden über Toiletten, die Ekel erregen, Lehrertoiletten ohne Klopapier. Die meisten Schulen haben kein Hygienekonzept und plötzlich wird verlangt, dass sowas aufgefangen wird. Das ist nicht möglich.

Ich schließe bei meinen Aussagen eindeutig die Abschlussklassen aus. Wenn wir uns Niedersachsen anschauen, dann zeigt sich, dass die Abiturienten schon nicht mehr in der Schule sind. Die Abiprüfungen lassen sich mit größerer Distanz viel einfacher durchführen. Die 10. Klassen der Realschule brauchen zwar offiziell noch Unterricht und dürfen nicht wie die Abiturienten zuhause bleiben, aber das kann über Ausnahme-Regelungen geklärt werden. Die Prüfungen sollten durchgeführt und den Schülern ihr Abschluss ermöglicht werden.

Unterricht in den unteren Klassen ist, so sehr ich ihn mir wünsche, derzeit unverantwortlich und falsch. Ich erwarte, dass da nachgebessert wird und unterstütze Streikdrohungen der Schüler in NRW und überall in Deutschland. Als Pädagoge sage ich, dass der Unterrichtsinhalt einen Schritt nach hinten gehen kann, denn ein 7. Klässler holt den Stoff in seiner Schullaufbahn nach. Ein normaler Unterricht ist direkt ja gar nicht möglich, denn die Krise ist so allumfassend, dass ich erstmal mit meinen Klassen aufarbeiten muss und eine inhaltliche Fortführung des Inhaltes nur sehr langsam anlaufen kann.

Ein Kompromiss sind die Jahrgänge, die nächstes Jahr Abitur machen. Aber auch diese sind deutlich älter und könnten digital unterrichtet werden, hätte man sich da nur besser eingestellt. Dennoch, ich kann diese Lerngruppen unterrichten und sie entsprechend vorbereiten. Aber mehr ist nicht möglich. Beziehungsweise: mehr ist möglich, aber nicht sinnvoll.

Ich bitte daher darum, dass die Regierungen der Länder, aber auch die Bundesregierung sich erneut zusammensetzen und beschließen, dass die Schulen weiterhin geschlossen bleiben, weil das Risiko einer erneuten hohen Infektionsrate zu groß ist.

Wir hätten so viel besser darauf vorbereitet sein können. Man, hoffentlich lernen wir aus all dem.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s