Covid-19 und der öffentliche Diskurs

Unser aller Leben ist seit Monaten auf den Kopf gestellt. Vielleicht eine positive Bilanz zu Beginn, denn Deutschland steht bisher „ganz gut“ da. Warum ich das ganz gut in Anführungszeichen setze? Weil die Pandemie bisher unglaublich viele Leben gekostet hat und weltweit Schäden anrichtet, müssen wir feststellen, dass alles „Gute“ immer nur ein Teilerfolg sein kann. Hier findet ihr verschiedene Gründe, wieso Deutschland bisher der Krise trotzt:

  1. Wirtschaftliche Perspektive

https://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastbeitrag-warum-deutschland-die-coronakrise-besser-meistern-wird-als-andere-laender/25778894.html?ticket=ST-5213298-KGMJFo3kmxiw2QdgALVF-ap3

2. Medizinische Perspektive

Wirtschaft und Medizin liegen derzeit oft im Streit. In der Arena der Politik und auf dem Rücken der Bürger wird ein Kampf ausgetragen, der keiner sein dürfte. Exemplarisch stehen sich zum Beispiel bei #hartaberfair Virologin Prof. Melanie Brinkmann und Fernsehkoch/Unternehmer Alexander Hermann gegenüber. Hermann repräsentierte die Gastronomie und hat damit eine große Verantwortung, denn zweifellos ist diese ein wichtiger Wirtschaftszweig. Mit einer sehr überheblichen Art fordert er die Auflösung des #Lockdowns, es sei nun genug. Tim Mälzer schlägt einen Tag später bei Markus Lanz in die gleiche Kerbe. Mälzer ist jedoch ehrlich bewegt und akzeptiert düstere Prognosen, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Das ist hervorzuheben. Alexander Hermann hingegen plappert von den Tests in der Bundesliga und nennt konkrete Zahlen: 1700 Tests, 10 Infizierte. 0,6 % reichen, um alles wieder aufzumachen. Die Wirtschaft hat gesprochen. Die wissenschaftliche Antwort der Medizinerin ist ernüchternd. Brinkmann erklärt, dass reine Zahlen wenig aussagekräftig sind, denn man müsse den Kontext betrachten. „Ihr sagt andauernd irgendwelche Zahlen und wenn sie euch passen, dann sind sie richtig. Dann kommt der andere dahergekrochen und sagt, ich bin auch Virologe: ‚Das ist so nicht, wir müssen jetzt diese Zahl nehmen.‘ Das ist genau das, was mich aufregt.“

Wenn wir mal davon absehen, dass Hermann die Virologin unterbrochen hat und auch darüber hinwegsehen, wie despektierlich es ist, „dahergekrochen“ zu verwenden, dann bleibt dennoch stehen, dass der Gastronom kein Experte ist und sich dennoch zu einem macht.

(https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLThlNTk5YzQ0LWRiYWYtNDExMS1hZjYyLTU2OGVkNzJiMzY1Mw/lagerkoller-im-lockdown-was-laesst-corona-von-unserem-leben-uebrig)

Uns allen muss klar sein, dass es verschiedene Zahlen gibt. Darunter fallen Infektionsrate, Inkubationszeit und auch Reproduktionszahl. Es ist absolut sinnvoll, alle im Kontext zu bewerten. Dieser Kontext ändert sich nun aber alle paar Wochen. Es tut mir leid für den Fernsehkoch, der mit knapp sechs Millionen Euro (https://www.vermoegenmagazin.de/alexander-herrmann-vermoegen/) an Vermögen für den kleinen Mann spricht. Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht wie Lemminge der Führung folgen müssen, aber wir brauchen Fakten und sollten unsere Urteile auf Daten basieren. Diese sollten wir nicht aus der Regierung erhalten, sondern vom Robert-Koch-Institut, dem Helmholtz-Zentrum oder von mir aus auch der Leopoldina. Wir können dankbar sein, dass unsere derzeitige Regierung sich darauf beruft, Experten anzuhören.

Einen Tag nach #hartaberfair treffen unter anderem Karl Lauterbach und Katja Suding bei Markus Lanz auf den angesprochenen Tim Mälzer. Lauterbach, Bundesabgeordneter und Epidemiologe, präsentiert sich derzeit als strenger Mahner in der Krise. Seine Position vertritt er kontinuierlich und bleibt auch dabei, als über Schweden gesprochen wird. Der Sonderweg im skandinavischen Land forderte mehr Tote, gilt aber als Alternative, um Herdenimmunität zu erreichen. Während einige Experten diese Möglichkeit in Betracht ziehen, bleibt Lauterbach dabei, es sei „verantwortungslos“, was dort geschehe. (https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-5-mai-2020-100.html). Dafür zolle ich ihm Respekt, denn er bezeichnet auch die Handlungen der letzten Tage als Gefahr, obwohl seine SPD diese als Regierungspartei mitträgt.  Katja Suding von der FDP hingegen fordert wirtschaftliche Lockerungen, denn sonst sei das alles ohne Verhältnis. Parteichef Christian Lindner spricht davon, schon länger Zweifel an der Verhältnismäßigkeit zu haben (https://www.youtube.com/watch?v=0bmHqV_Ea0w).

Am vergangenen Sonntag trafen zuvor bei Anne Will u.a. Robert Habeck und Finanzminister auf Hildegard Müller, die Staatshilfen für die Autoindustrie verlangt und ohne rot zu werden angibt, dass auch Dividenden und Boni ausgeschüttet werden sollen.

(https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL25kci5kZS9hYThlYzg3My1hYzMyLTRlMzEtYjNlZi1iZjJkZWY4MGM4MzU/raus-aus-dem-corona-stillstand-hat-die-regierung-hierfuer-den-richtigen-plan)

Derzeit sehen wir demnach in den Talk- und Politshows sehr gegensätzliche Positionen. Das ist eine natürliche Vorgehensweise, weil – ich nenne es mal – Diskurs die Quoten eher antreibt, als Konsens. Zudem ist es gerechtfertigt, dass in Deutschland unterschiedliche Positionen öffentlich besprochen werden.

Ein konkretes Beispiel ist der Mindestlohn. Persönlich fordere ich ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil mir soziales Netz und Solidarität besonders wichtig sind, andere befürworten gar keine Absicherung und haben dafür ihre Gründe. Das muss debattiert werden, die Wähler müssen transparent und ehrlich überzeugt werden und dann wird regiert. So weit, so kompliziert.

Ich vertrete diese Stellung auch, wenn es um die Coronakrise geht. Ich habe zwar eine klare Meinung zu dem, was geschehen und was nicht geschehen sollte, jedoch bin ich bereit, andere Meinungen anzuhören, wenn diese auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhen. Ein weiteres Beispiel: Der Journalist Jakob Augstein hat sich in den letzten Wochen vehement für mehr Kritik an der Regierung ausgesprochen und verlangt, nach Schweden zu schauen. Ich habe bereits begründet, weshalb ich diesen Weg für schwierig halte, es ist jedoch das gute Recht, dorthin zu sehen und darüber sprechen zu wollen. Das ist ein Diskurs mit einer guten Grundlage.

Leider zeigt sich dabei auch ein großes Problem. In der Öffentlichkeit werden regelmäßig Positionen vertreten, die inakzeptabel sind. Prominente wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann haben mit Verschwörungstheorien auf sich aufmerksam gemacht. Sie bedienen sich bei alten Stereotypen und arbeiten mit unterschiedlichen Mitteln. Ganz oben auf der Liste ist der Sündenbock. Ich bestimme eine Gruppe und die muss dann herhalten. Eliten, Juden, Asiaten – irgendwer hat diesen Mist schon verzapft, die sind schuld. Es ist so viel einfacher, die anderen zu beschimpfen, als sich selbst zu hinterfragen. Mir ist klar, dass die einfachen Menschen nicht die Schuld an Corona tragen, jedoch geht es hier um die Einschränkungen. Es ist der Fehler der anderen, was habe ich damit zu schaffen? Ich beschränke mich nicht, wenn ich es nicht war. Eigenverantwortung abzugeben und sich dadurch „frei“ zu fühlen, ist ein klassisches Symptom solcher Bewegungen. Und wir wissen, wie oft nach Freiheit geschrien wird. https://www.tagesspiegel.de/politik/mit-voller-kraft-gegen-den-lockdown-wie-die-afd-versucht-aus-dem-corona-tief-zu-kommen/25808282.html

Ein weiteres Mittel, um die Menschen zu fangen: das Problem verharmlosen. Statistiken und Daten sind fehlerhaft oder gar gefälscht. Und selbst wenn die Daten woanders stimmen, wir kriegen das nicht. Gerade in Coronakrise wird die Grippe herangezogen. Wenngleich das Mittel altbekannt ist, funktioniert es wunderbar. Wer möchte nicht glauben, dass es nur eine Grippe ist? Parties, Freunde, Arbeit – alles bekomme ich wieder, wenn ich nur glaube, dass es halb so wild ist.

(https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-verbreitet-fake-news-zu-corona,Rv7jler)

Neben diesen üblichen Wegen, Menschen zu verführen, steht noch ein gefährliches Monster: Verschwörungstheorien erhalten sichtbar Zulauf. Ein toxisches Gemisch aus Lügen, Sündenböcken und Emotionen steckt unsere Gesellschaft in Brand. Es geht um jüdische Weltverschwörer, die unsere Freiheiten einschränken. Es geht um Bill Gates, dessen Ziel es sei, alle zwanghaft zu impfen. Die Regierung wolle alle alten Menschen loswerden, darum hat sie diese Pandemie selbst entwickelt. Diese verwurschtelten Gedanken nehmen kein Ende.

Man kann kaum darauf eingehen, weil sie nicht zu heilen sind. Es wird immer mehr Möglichkeiten geben, die Realität zu verneinen und sich eine Welt zu spinnen. In der #hartaberfair Sendung mit Lauterbach, Suding und Mälzer war auch Olaf Sundermeyer zu Gast. Der Journalist berichtete von den Hygiene-Demos und „Widerstand2020“. Dabei äußerte er Bedenken, dass es sich gerade jetzt entscheidet, ob es verstreute Meinungen bleiben oder ob sich daraus eine Bewegung entwickelt, denn die politische Rechte nutzt die Verzweiflung und Unsicherheit aus (https://rp-online.de/panorama/coronavirus/widerstand-2020-hygiene-demos-gegen-corona-erwecken-misstrauen-in-politik_aid-50424043).

Diese Stichwörter spielen nämlich genau auf ihre Mittel an. Ob wir über Sündenbock oder Verharmlosung reden: Es geht um Emotionen. Angst, Wut und gar Hass oder Trauer und Einsamkeit sind die Triebfedern, die Menschen bewegen, ihre Kenntnisse über Bord zu werfen und sich absurden Geschichten hinzugeben. Wenn ich Emotionen auslöse, schalte ich die Vernunft aus. Ich selbst bin ein Herzmensch durch und durch, aber damit sind wir wieder beim Anfang unserer Gedanken, denn ich brauche Vernunft und Offenheit, um einen Diskurs zu führen. Die Demos, Verschwörungstheorien und Extremisten beruhen ihr Weltbild auf Gefühlen. Ein echter Diskurs wird unmöglich.

Im öffentlichen Diskurs finden wir solche Gedankengänge aber immer wieder. Sundermeyer verwies darauf, dass Katja Suding durchaus auch verkürzte Argumentationsstränge darlegt. Ich unterstelle ihr nicht, dass sie das beabsichtigt hat, jedoch finden solche Darstellungen ihren Weg ins Rampenlicht. In der unsäglichen Bild, die immer noch auflagenstark ist, ging es heute um die „klügsten Coronaskeptiker“. Wer zweifelt denn nun noch an Covid-19? Machtanspruch und Auflagen führen regelmäßig dazu, dass Politiker und Medien Grenzen austesten und dabei durchaus kontroverse Aussagen stehen lassen und geflissentlich nutzen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Das ist ein Problem, weil es die wirren Gedankengänge und emotionalen Argumente legitimiert und fördert.

Nun stellt sich eine Frage: Wie gehen wir damit um?

Darauf gibt es leider keine einfache Antwort. Meine erste Empfehlung ist, sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Ich muss eine grundlegende Ahnung davon haben, was ich sage. Ein Beispiel: Wenn ich über den Sonderweg der Schweden spreche, weil ich ihn als Alternative ins Spiel bringe, dann muss ich die Todeszahlen kennen und die Werte miteinander vergleichen können.

Neben fachlichem Verständnis für unsere Probleme brauche ich Mut. Ich muss aus meiner Blase ausbrechen, denn nur dann kann ich die Perspektiven wechseln. Ein Beispiel? Wenn ich nur mit gleichaltrigen Kollegen spreche, die aus meiner Heimat kommen, dann fehlt mir Input aus anderen Bereichen. Das ist der Grund, warum in den Shows Menschen aus Kultur, Wirtschaft und Politik sprechen. Wir müssen aber eben auch weiter differenzieren, denn auch Menschen aus der Kultur haben unterschiedliche Perspektiven. Und ich muss lernen, diese einzunehmen. Wenn ich sie dann kenne, brauche ich Mut, um mich nicht einschüchtern zu lassen. Viele, sogar sehr viele Menschen werden daran arbeiten, die Meinung Andersdenkender zu diskreditieren und zu relativieren. Sie werden schimpfen, beleidigen und drohen. Unser Mut muss dem Stand halten.

Das sind zwei grundlegende Möglichkeiten, sich an den Diskurs heranzuwagen. Wenn ihr informiert und mutig seid, braucht es noch einen dritten Schritt. Man muss tatsächlich partizipieren. Immer. Niemand verlangt, dass ihr euch überall einmischt, aber wenn ihr Vorzüge und Interessen habt, dann engagiert euch. Es gibt so viele Möglichkeiten:

Parteien, Verbände, Gewerkschaften, Bürgeriniativen, Demos, SocialMedia u.v.m.

Und wenn wir ihr euch engagiert, bleibt dabei. Lasst euch nicht abschrecken und motiviert euch, weiterzumachen. Bei Verbänden und Parteien helfen euch Strukturen und Organisation, kontinuierlich zu partizipieren. Der Bereich Social Media ist derzeit ja besonders beliebt. Solltet ihr also hier aktiv sein, überschüttet euch und die anderen nicht mit Informationen, sondern filtert, was ihr lest. Achtet auf entsprechende Quellen und geht respektvoll mit einander um.

Wann ist ein Aufruf dafür besser geeignet als heute – dem Tag der Befreiung vom Naziregime und Tyrannei?

Nur, wenn wir uns alle am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen, schaffen wir es, vernunftorientierte Debatten mit verschieden Lösungsmöglichkeiten zu führen. Stellen wir uns den Wut- und Hasstiraden mit Wissen und Mut entgegen.

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