Tag der Pflege

Am 12. Mai war – laut Bundesregierung der „Internationale Tag der Pflege“. Begangen wird der Tag zu Ehren des Geburtstages von Florence Nightingale, einer britischen Krankenschwester. Es soll heute nicht um ihr persönliches Vermächtnis gehen, dieses wurde in den letzten Jahrzehnten durchaus kritisch gesehen. Ich habe zu wenig biografische Informationen, um mich darüber auszulassen, ob sie „sexuell frustriert“ oder gar „machtversessen“ war. Es bleibt anzuerkennen, dass ihre Statistiken und Analysen aus dem Krimkrieg der Engländer zu einer neuen Art der Pflege geführt haben. Bei dieser Form steht vor allem die Hygiene im Vordergrund, so bezeichnet sie ein „Spiegel“-Artikel als „Königin des Händewaschens“. Die Patienten nahmen sie zudem als beinahe göttlich wahr, so schreibt ein Patient:

„Wenn die Lady mit der Lampe in der Nacht durch die Krankensäle geht, dann drehen wir uns zur Wand und küssen die Mauerstelle, auf die ihr Schatten fiel.“

Pathetische Worte eines Kranken, der in ihr ein Symbol der Hoffnung sah. Es gelingt Florence Nightingale, die Sterberate von Soldaten mit Infektionen von 40 % auf 2 % zu senken. Diese Errungenschaften sind es, die dazu geführt haben, dass wir heute ihren Geburtstag ehren (vgl. https://www.spiegel.de/geschichte/pflege-pionierin-florence-nightingale-die-lady-mit-der-lampe-a-bcb93fe8-d751-4888-9419-fa4bf7a5ef4f).

Als ich nun Twitter durchstöberte, entdecke ich viele Tweets, die Mitgefühl bekunden. Die Menschen fühlen mit Pflegekräften, die derzeit jeden Tag am Limit arbeiten. Das Gesundheitsministerium äußerte sich 2016 dazu (https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2016/2-quartal/internationaler-tag-der-pflege.html):

„Pflegerinnen und Pfleger sind eine tragende Säule unserer Gesundheitsversorgung.“ (Hermann Gröhe)

Stimmt, sie sind fachlich qualifiziert, motiviert und stehen unter körperlicher Belastung und psychischem Druck. Die Standards, die Florence Nightingale eingeführt hat, sind zwar die Basis, doch Pflegepersonal muss sich mit Pharmazie, elektronischen Hilfen und Seelsorge auskennen. Ich muss sagen, dass mir empathische Tweets daher nicht mehr ausreichen. Gerade jetzt spüren wir die Bedeutung noch stärker als vor der Pandemie. Wir dürfen nicht nur mit symbolischen Gesten oder Tweets kommen, denn die Menschen, die dort arbeiten verdienen Besseres. Der ehemalige Minister Gröhe stimmt zu und führt weiter aus:

„Deshalb haben wir die Voraussetzungen geschaffen, damit Krankenhäuser mehr Personal am Krankenbett beschäftigen können, die Personalausstattung in Pflegeeinrichtungen angepasst wird, mehr Betreuungskräfte eingestellt werden und die Bezahlung nach Tarif gestärkt wird.“

Es ist eine vielversprechende Aussage, allerdings sieht die Realität anders aus. „Pflegekräfte fordern mehr als Applaus“ titelt die Deutsche Welle (https://www.dw.com/de/corona-krise-pflegekr%C3%A4fte-fordern-mehr-als-applaus/a-52983411). Zudem berichtet die „Frankfurter Rundschau“ vor kurzem von einer Petition mit knapp 315.000 Unterstützern (https://www.fr.de/politik/coronavirus-deutschland-hunderttausende-unterstuetzen-petition-pflegekraeften-zr-13630472.html).

Die Forderungen sind klar formuliert:

  • Schutzmaterialien für Pflegekräfte
  • Prüfungen von Pflegefällen sollen ausgesetzt werden
  • Pflegekräfte der dafür zuständigen Prüfbehörden sollen mobilisiert werden
  • Lohnerhöhungen für die Belastungen während der Coronakrise
  • Erhöhtes Einstiegsgehalt

Es geht natürlich auch um das Gehalt, welches das Pflegepersonal verdient. Die Zahlen variieren nach Arbeitgeber und Region – und nicht zu vergessen Geschlecht. Auch hier werden Frauen in einigen Bereichen schlechter bezahlt als Männer (https://www.pflegestudium.de/gehalt/). Das Personal beklagt regelmäßig aber eben auch weitere Missstände. Es geht dabei um gesundheitliche Schäden, weil die Ausrüstung nicht ausreicht oder gar nicht vorhanden ist. Es geht dabei um die Anzahl der Pflegekräfte, damit nicht jede Personalie auf dem Zahnfleisch kriechen muss. Oft vergessen wir, dass PflegerInnen im Schichtdienst aktiv sind und auch das körperliche Schäden haben kann.

In meinen Augen sind diese Wünsche gerechtfertigt und legitim. Inwiefern diese implementiert und durchgesetzt werden können, bleibt abzuwarten. Ich fordere jedoch eindringlich Abgeordnete aller Parteien auf, sich an das Grundgesetz zu erinnern und Artikel 1 zu vertreten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Zur Würde des Menschen gehören Gesundheit und Altern dazu – ohne Wenn und Aber. Die Gesellschaft steht hinter diesen Forderungen, so zeigt eine Studie des Südkuriers, dass Alten- und Krankenpfleger hohes Ansehen in der Bevölkerung genießen (Platz 4 und 3 hinter Ärzten und Feuerwehrmännern s. https://www.suedkurier.de/ueberregional/panorama/Diese-zehn-Berufe-geniessen-bei-den-Deutschen-das-hoechste-Ansehen;art409965,10420188). Dieses Ansehen dürfte mit der Coronakrise nur noch weiter gewachsen sein.

So ist es wirklich deprimierend, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der eine überwältigende Mehrheit von 98 %(!)  dafür ist, dass dieser Sektor besser gestützt und gefördert wird, die eigentlichen Maßnahmen aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. (https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2016/2-quartal/internationaler-tag-der-pflege.html)

Zitate des aktuellen Gesundheitsministers Spahn klingen wenig vielversprechend:

„Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.”

(https://meedia.de/2018/09/21/jens-spahn-will-dass-pfleger-mehr-arbeiten-wie-in-den-sozialen-netzwerken-aus-einem-einzelnen-satz-ein-skandal-gemacht-wird/)

Der angefügte Artikel verlangt, dass der Gesamtkontext betrachtet wird und das ist immer sinnvoll, doch selbst wenn ich davon ausgehe, dass der Minister differenziert an die Sache rangeht und über Schichtpläne, Bezahlung und Organisation spricht, so bleibt die Aussage ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die jeden Tag alles geben. Eine differenzierte Perspektive verleiht mir mehr Hoffnung, dass es irgendwann besser wird, seine Aussage bleibt dennoch kritisch zu betrachten.

Die allgemeine Betrachtung der Lage wirkt wie immer: Arbeitnehmer fordern mehr Schutz und Unterstützung, die Politik sagt Hilfe zu und schafft zu kleinen Teilen Abhilfe, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück. Allerdings müssen wir dabei unterstreichen, dass dies nicht bloß eine weitere Branche ist, sondern ein vitaler Zweig unserer Gesellschaft. Wenn es um die Würde es Menschen geht, bin ich der erste, der Restaurants und Kinos dazu zählt, jedoch können wir nicht davon ablenken, dass der Gesundheitssektor elementar für die Würde unserer Gesellschaft ist. Wie wir mit Kranken und Alten umgehen, stellt äußerst bildlich dar, was uns ausmacht.

Mir persönlich ist es vor allem wichtig, dass wir uns bewusst werden, dass diese Arbeit nicht nur jetzt wichtig ist, sondern auch davor und danach als vital erkannt werden muss. Deshalb darf jetzt nicht sofort das nächste Thema auf den Tisch kommen. Wir müssen kontinuierlich für das Personal im Gesundheitswesen streiten – und das schließt Reinigungspersonal, Hausmeister und Administratoren ein. Deshalb schließe ich mit einer kurzen Anekdote. Ich verbrachte eines meiner Praktika in einem Altenheim. In wenigen Tagen lernte ich die Bewohner und das Personal zu schätzen. Mein Aufgabenbereich war eingegrenzt, doch spielerische Freizeitbeschäftigung und Hilfe beim Essen haben mir doch sehr eindringlich gezeigt, dass dieser Job all meinen Respekt verdient und ich jeden Tag dankbar sein darf, dass es Menschen gibt, die ihn mit Hingabe und Leidenschaft ausfüllen. In Erinnerung ist mir vor allem eine Bewohnerin geblieben, mit der ich am Montag relativ normal gesprochen habe und deren Zustand am Freitag so kritisch war, dass sie gefüttert werden musste und nicht mal ihre im Heim beste Freundin erkannte. Da war mir ehrlich bewusst, dass dieser Beruf nicht nur körperlich fordernd ist, sondern auch ganz viel mentale Stärke und emotionale Kompetenz braucht. Die Lady mit der Lampe Florence Nightingale zeigte diese bereits vor 150 Jahren und wir sollten uns noch auf einer anderen Art und Weise von ihr inspirieren lassen, denn die zweite Hälfte ihres Lebens verbrachte sie dauerhaft durch Krankheit ans Bett gefesselt. Trotzdem verfasste sie tausende Briefe und stritt für ihre Überzeugungen. Das sollten wir auch heute tun, uns mit voller Überzeugung für das Pflegepersonal einsetzen, denn das haben sie einfach verdient.

So verbleibe ich mit einem Zitat, welches auch den zitierten „Spiegel“-Artikel abschließt:

„Pflege ist keine Ferienarbeit. Pflege ist eine Kunst und fordert, wenn sie eine Kunst werden soll, ebenso große Hingabe und Vorbereitung wie das Werk eines Malers oder Bildhauers. […]“

Schenken auch wir den Menschen unsere Hingabe.

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