Die Deutschen lieben ihr Fleisch, so verzehren wir knapp 60 Kilogramm im Schnitt. Vorwiegend wird Schweinefleisch gegessen, wenngleich es in den letzten Jahren eine Verschiebung Richtung Rind- und Hühnerfleisch gegeben hat.

https://de.statista.com/themen/1315/fleisch/#:~:text=Pro%20Kopf%20werden%20in%20Deutschland,Kilogramm%20auf%20Rind%2D%20und%20Kalbfleisch.

Und in dieser Statistik erkenne ich mich selbst hervorragend wieder, immerhin bin ich der, der sich denkt, dass Bratkartoffeln mit Speck kein Fleisch beinhalten. Oder zumindest dachte ich so, weil ich aus einer Erziehung komme, in der Fleisch das zentrale Nahrungsmittel war. Fleisch, Sättigungsbeilage und Gemüse: so sah das klassische Mittagessen aus.

Im Jahr 2013 schien die Gesellschaft wachgerüttelt zu werden, als in unzähligen europäischen Ländern Produkte mit Pferde- statt deklariertem Rindfleisch entdeckt wurden. Ich erinnere mich an die Diskussionen, an die ach so erschütterten Politiker und Verbraucher. Schon damals war mir klar, dass es ein Skandal ist – der aber doch niemanden überraschen konnte. Als Student zwangen mich kontinuierliche, finanzielle Probleme regelmäßig günstigste Produkte einzukaufen, wenn man dann eine Tiefkühl-Lasagne in den Korb packte, sorgte der Preis nicht gerade für Ruhe im Gewissen. Heute kostet eine 400g Packung im Supermarkt knapp zwei Euro (überprüft, aber der Name des Marktes spielt keine Rolle, da kaum eine Kette besser ist). Wenn ich an Verpackung, Inhalt und Personalkosten denke, erscheint es lächerlich, dass es am Ende lächerliche zwei Euro kosten soll.

https://www.foodwatch.org/de/informieren/fleisch/pferdefleisch/

Spätestens zu dieser Zeit hätte es tiefgreifende Reformen benötigt, um eine ganze Branche, die selbst Markus Lanz als „krank“ (Sendung vom 23.06.2020) bezeichnete, zu erneuern. Stattdessen loben die regierenden Parteien das Engagement prominenter Unternehmer, die im Kapitalismus immer am Ende der metaphorischen Nahrungskette stehen. Die Corona-Ausbrüche bei „Westfleisch“ oder „Tönnies“ bleiben oberflächliche Symptome einer Industrie, die längst jede Bodenhaftung verloren hat. Insgesamt schlachtet die Unternehmensgruppe „Tönnies“ im Jahr knapp 20,5 Millionen Schweine.

https://www.noz.de/deutschland-welt/wirtschaft/artikel/865190/toennies-schlachtet-20-4-millionen-schweine-weltweit

Wie das möglich ist, beschreiben Claus Hecking und Florian Gontek für den SPIEGEL:

„Das Werk in Rheda-Wiedenbrück mit seinen mehr als 6000 Beschäftigten ist der Inbegriff der durchindustrialisierten und prozessoptimierten Fleischfabrik. Bis zu 3,5 Millionen Kilo Lebendgewicht kann das Werk nach Unternehmensangaben täglich verarbeiten. Das heißt: Um die 30.000 Schweine könnten hier jeden Tag geschlachtet werden.“

https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wut-auf-toennies-a-942c155d-6740-42c6-81a1-12757468124f

Da muss Corona fast zwangsweise in den Hintergrund rücken, denn die systematischen Nöte lösen sich nicht, indem auf die Pandemie reagiert wird, sondern indem wir die Fleischindustrie revolutionieren. Wie bereits im privaten Rückblick belegt, stehe ich einem Fleischverbot entgegen. Allerdings sagt mir die Vernunft, dass diese Zahlen unverhältnismäßig sind und die Gier der Kapitalisten im negativsten Sinne spiegeln. Der erste Schritt, dass Werksverträge abgeschafft werden, wurde bereits veranlasst, doch bereits hier muss es Kontrollinstanzen geben, die dafür sorgen, dass es keine Möglichkeiten gibt, dieses Verbot zu umgehen. Zusätzlich sollte Clemens Tönnies persönlich Verantwortung tragen und zurücktreten, auch wenn wir wissen, dass der machtbesessen Patriarch es nicht tun wird.

Clemens Tönnies hat gezeigt, dass er nicht in der Lage ist, ein Unternehmen unseren Grundsätzen entsprechend zu führen und wird daher zum Rücktritt aufgefordert.
Samira El Ouassil stellt auf witzige Art dar, wieso wir diesen Rücktritt fordern.

Des Weiteren sollte der Staat daran arbeiten, den Fleischkonsum stärker zu überprüfen. Klingt nach einer harten Forderung, ja – ist es aber nicht. Ich erwarte keine Obergrenze, die Firmen einzuhalten haben, jedoch muss ich überlegen, wie man damit umgehen kann. Und dafür gibt es gute Gründe:

Eine Möglichkeit, die immer wieder diskutiert wird, ist die Einführung von vegetarischen Tagen in öffentlichen / staatlichen Mensen. So könnte man in Mensen von Universitäten, Büros und Ministerien dafür sorgen, dass es Fleisch nicht immer in Massen und Unmengen gibt.

https://taz.de/Protest-gegen-Veggie-Gerichte-an-Unis/!5085108/

Daneben ergeben sich durch Reglementierungen in Fabriken, wenn es um das Arbeitsrecht, die Größe der Fabriken und die Sicherheit der Mitarbeiter geht, automatisch Grenzen der Produktion. Wenn man bedenkt, dass knapp vier Kilogramm Fleisch pro Kopf weggeworfen werden, dann zeigen sich erschreckende Zahlen:

„Umgerechnet auf Schlachttiere sind das 230.000 Rinder, 1.800.000 Enten, 2.700.000 Puten, 4.100.000 Schweine und 45.000.000 Hühner, die von uns Verbrauchern jedes Jahr achtlos in den Müll geworfen werden. Diese Tiere sind völlig umsonst gestorben. Wertschätzung sieht anders aus!“

https://provieh.de/lebensmittelverschwendung-verschwendung-von-leben#:~:text=Ein%20Drittel%20aller%20Lebensmittel%20landet,Deutschland%20j%C3%A4hrlich%20pro%20Kopf%20verschwendet.

Neben der arbeitsrechtlichen Grundlage der Menschen und der nutzlosen Schlachtung von Lebewesen ist die Gesundheit ein weiterer Aspekt. Ich muss nicht völlig auf Fleisch verzichten, so zeigt sich dennoch immer wieder, dass weniger Fleischverzehr durchaus gesundheitliche Vorteile hat.

Abschließend müssen wir – natürlich – auch über den Klimaschutz reden. Die industrialisierte Tierhaltung sorgt für einen beträchtlichen Teil der Umweltverschmutzung, so dass ein Erreichen der Klimaziele viel effektiver mit weniger Fleischindustrie erreichbar ist. Wir reden dabei von bis zu 18 % der Treibhausgasemissionen, die verursacht werden.

https://www.bund.net/service/presse/pressemitteilungen/detail/news/weniger-fleischkonsum-ist-besser-fuer-gesundheit-und-umwelt/

Nun habe ich viele Argumente aufgeführt, die zeigen, dass sich eine grundlegende Reform der Fleischindustrie auf allen gesellschaftlichen Ebenen positiv auswirken kann. Abgesehen davon, dass bereits einige richtige Schritte eingeleitet wurden, müssen wir uns auch als Einzelne mehr bewusst machen, dass wir da „Mittäter“ sind. Markus Feldenkirchen verweist mit Recht darauf, dass wir genauso Schuld tragen:

„Jeder Cent, den wir beim Kauf billiger Fleischprodukte sparen, geht auf Kosten des Tierwohls – und der sie zerlegenden Menschen.“

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/toennies-wirecard-kapitalismus-der-alte-schlawiner-kolumne-a-00000000-0002-0001-0000-000171773518

Ich bitte daher jeden von uns, bei jedem Einkauf noch intensiver darüber nachzudenken, was man kauft und woher es kommt.

Für weitere Informationen:

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ernaehrung-alkoholfrei-und-fleischfrei-liegen-im-trend-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190808-99-385858

https://www.deutschlandfunk.de/psychologin-ueber-fleischkonsum-fuer-eine.694.de.html?dram:article_id=479426

https://www.zeit.de/zeit-magazin/essen-trinken/2020-06/fleischkonsum-billigfleisch-deutschland-qualitaet-besserverdiener-fleischindustrie

https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/essen-und-trinken/fleisch/22925.html

https://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/fleisch/fleisch-frisst-land/

https://www.aerzteblatt.de/archiv/170849/Infektionskrankheiten-Klimawandel-als-Katalysator

3 Gedanken zu “Es geht um die Wurst

  1. Es ist ja noch viel verrückter, dass Deutschland großer Fleischexporteur ist (besonders nach China). Wir produzieren also wesentlich mehr als wir verbrauchen und das extrem billig. So billig, dass oft stundenlange Tiertransporte aus unseren Nachbarländern stattfinden, da vor Ort nicht mehr geschlachtet wird. Durch Dumpinglöhne und wenige Auflagen ist es billiger Arbeitskraft und Tiere unter widrigen Bedingungen nach Deutschland zu schaffen, um die hier vorliegende Tarif- und Gesetzeslage auszunutzen. Deutschland ist die Fleischoase Europas.

    „Der Selbstversorgungsgrad (Quotient aus Bruttoeigenerzeugung und Verbrauch) mit Fleisch lag bei 114,4 % und somit in etwa gleich des Vorjahreswertes.“
    Quelle: BLE (414)

    Kritik von EU-Gewerkschaften
    Deutsche Fleischindustrie als Jobkiller
    Stand: 03.06.2020
    https://www.tagesschau.de/ausland/fleisch-industrie-dumping-loehne-101.html

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