Wie leicht es doch ist, überheblich zu sein. Seit Jahrzehnten genießen wir die Früchte der Demokratie und klopfen uns auf die Schultern, wie großartig wir regiert werden. Nur allzu bequem ist es, von anderen Ländern beneidet zu werden, wie gut wir die Krise (bisher) gemeistert haben. Es ist wenige Wochen her, da habe ich die Kanzlerin für ihre Führungsstärke in Zeiten von Corona gelobt und ihre politischen Fähigkeiten dargestellt, mit denen sie geschickt die Fäden in der Hand hält.

Unter der Haube dieser scheinbar gut geölten Demokratiemaschine schwelt jedoch seit Jahrzehnten die Gefahr von rechts. Zu keinem Zeitpunkt unserer Geschichte nach 1945 können wir festmachen, dass der Faschismus aus den Köpfen gebannt wurde. Belege finden sich schnell: Das erste Kabinett unter Adenauer regierte mit der nationalkonservativen „Deutschen Partei“ und die Unruhen im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen 1992 spiegelten den Hass unzähliger Menschen kurz nach der Wiedervereinigung wider. Seit 2017 sitzt die staatszersetzende AfD im Bundestag und bedient sich täglich rassistischer, völkischer und widerlicher Symbolik und Rhetorik, so dass die unterdrückten Tendenzen immer mal wieder in extremer Form die Öffentlichkeit für sich vereinnahmen.

Vermutlich wird man rechte Gedanken nie ganz aus dem öffentlichen Diskurs vertreiben können, jedoch zeigt sich, dass besonders in Phasen von tiefgreifenden Umwälzungen innerhalb der Gesellschaft solche Tendenzen hervorbrechen. Und siehe da, die Coronakrise verändert unser Leben auf fundamentale Weise und schon gibt es ausreichend Nährboden für lautstarke Boten von Hetze, Hass und Gewalt.

Attila Hildmanns Demos haben glücklicherweise an Strahlkraft verloren, seine wirren Theorien hingegen erreichen über Telegram und die Medien weiterhin zigtausende Menschen. Mit großer Klappe beklagt er eine Weltverschwörung, proklamiert die Schuld der Juden am Untergang des deutschen Volkes und fordert die öffentliche Hinrichtung politischer Akteure. Hin und wieder wird dennoch auf sein Engagement für das Tierwohl hingewiesen oder seine veganen Kochbücher erwähnt, obwohl diese für die aktuellen Straftaten völlig irrelevant sind. Daher verwundert es wenig, dass nun Ermittlungen aufgenommen wurden. Persönlich dauerte mir das zu lange, weil erst lautstarke Rufe nach Strafverfolgung dafür nötig waren, allerdings bin ich gewillt, geduldig zu sein, sollte am Ende ein bewiesener Hetzer seiner gerechten Strafe zugeführt werden.

Es ist beängstigend, wenn im Jahr 2020 mitten in Berlin Demonstranten stehen, die Flaggen aus der Kaiserzeit hochhalten und dem Rest der Bevölkerung drohen. Während gegen Hildmann nun Ermittlungen laufen, müssen wir uns dennoch fragen, wie wir damit umgehen, dass unsere Demokratie kontinuierlich von Faschisten, Antisemiten und Hohlköpfen attackiert wird?

Wie bereits erwähnt, ist es sicher kaum möglich, rechtes Gedankengut ganz zu streichen, allerdings brauchen wir Mittel, um uns dagegen zu wehren.

Ich sehe dabei drei zentrale Ideen, auf solchen Hass einzugehen.

  1. Das Bildungssystem muss umgestaltet werden. Den kommenden Generationen soll stärker beigebracht werden, wie man Konflikte löst und zeitgleich Eigenverantwortung und Selbstwertgefühl stärkt. Nahrung für rassistische Denkmuster sind nämlich oft mangelndes Bewusstsein für den eigenen Wert, so teilten uns „die Ärzte“ schon mit, dass es nur „ein stummer Schrei nach Liebe“ sei, wenn man den Selbsthass auf andere projiziert. Auf diese Art kann ich individuelle Menschen mit Verständnis aufwachsen lassen, statt staatstreue Bürger, die alle in eine Form passen sollen, heranzuzüchten.
  2. Es muss strukturierte Veränderungen geben, die neue Rahmenbedingungen schaffen. Leicht ausgesprochen, ist hier mindestens ein eigner Blogeintrag gefragt, um es zu erläutern. Kurz gefasst geht es um Möglichkeiten wie das bedingungslose Grundeinkommen, um den Menschen die Angst vor Existenzverlust zu nehmen oder ein offener Umgang mit Sexualität, da die Unterdrückung intimer Bedürfnisse häufig Probleme in der Identitätsentwicklung mit sich bringt. Eine offene, gerechte Gesellschaft ist deutlich weniger anfällig für Gefahren extremistischer Positionen.
  3. Humor. Diesen Grundsatz verkörpert seit einigen Jahren „Die Partei“, welche den Schwurblern ihre Grenzen mit Witz und Satire aufzeigt. In dieser Form schafft man es, diesen kruden Ideologen ihre Unwichtigkeit und ihren Bedeutungsverlust spitzfindig aufzuzeigen. Ich behaupte, dass Martin Sonneborn und Nico Semsrott im EU-Parlament die Probleme offensichtlicher als viele ihrer Amtskolleg*innen ansprechen.

In diesem Sinne schließe ich mit einem offenen Brief der „Hooligans gegen Satzbau“, der sehr deutlich zusammenfasst, wie man mit Humor und Verständnis auf diese Form der Wut und Gewalt reagieren kann. Ihr Umgang mit der Thematik ist pointiert, scharfsinnig und menschlich, da am Ende deutlich wird, dass sie bereit sind, Hildmann eine weitere Chance zu geben, sollte er sich Hilfe suchen und das finde ich wirklich bewundernswert.

Mehr unter: https://www.hogesatzbau.de/

Leiten wir aus diesen drei Vorschlägen ab, dass unsere Demokratie geschützt werden kann, damit wir die Gefahr von rechts nicht ignorierend in den Schrank sperren, wo es wie ein unsichtbares Monster immer weiter wächst, sondern vielmehr offen damit umgehen, um die Gesellschaft insgesamt zu stärken und ein friedliches Miteinander zu kultivieren.

Quellen und weiterführende Links:

https://www.sueddeutsche.de/politik/extremismus-berlin-strafbare-aeusserungen-befuerchtet-hildmann-demo-verboten-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200723-99-901814

https://www.sueddeutsche.de/politik/attila-hildmann-ermittlungen-morddrohung-volker-beck-1.4972973

https://www.spiegel.de/panorama/leute/polizei-nimmt-attila-hildmann-fest-a-191422ce-df70-4f2c-9ea7-bb8e9cdf1309

https://www.24hamburg.de/stars/attila-hildmann-telegram-anonymous-germany-hacker-verschwoerungstheorie-kampf-corona-twitter-90006821.html

https://www.spiegel.de/panorama/leute/attila-hildmann-auf-der-suche-nach-dem-sinn-falsch-abgebogen-a-293df391-2bb4-4370-af8d-de36d8cadbae

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/boykott-aufruf-gegen-hildmann-buecher-bei-thalia-16869115.html

https://www.fr.de/meinung/kolumnen/attila-hildmann-verschwoerung-theorie-humbug-hamburger-berlin-corona-virus-13841910.html

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