Gedanken zum 3. Oktober

Dies wird mein persönlichster Beitrag bisher. Ich wuchs in einem Ort auf, der zu Grenzzeiten Sperrgebiet war. Heute trennen die Ortsschilder „nach drüben“ genau ein Kilometer. Ich bin die Strecke gelaufen, gefahren und geradelt. Unzählige Male habe ich den Weg zurückgelegt und wurde immer wieder erinnert: „Hier war Deutschland geteilt.“ Geboren im Jahr 1987 habe ich von all dem Unrecht, der Unterdrückung und der Wut wenig mitbekommen, so dass ich darauf gar nicht eingehen kann.  Ich wurde in einem Deutschland sozialisiert, welches als „eins“ galt. Ich vermute, dass gilt es heute noch.

Dennoch spürte und erlebte ich die Wunden regelmäßig. Menschen, die älter als ich waren, hatten nicht den Luxus in den 90ern sozialisiert worden zu sein. Auf jeder Familienfeier wurden hässliche Ressentiments hervorgekramt und ausgeschlachtet, während man selbst widerliche Vorurteile der anderen Seite bediente. So verfestigte sich das Weltbild des zerbrochenen Deutschlands in meinem Kopf. Im Nachbardorf war das Freibad, das ich täglich im Sommer besuchte – und begrüßt wurde ich mit „Na, über die Mauer geklettert?“ Damals Jugendliche und Kinder benutzten den Mauerbegriff, obwohl sie sogar nach 1990 geboren waren. Zuerst konnte ich das nicht verstehen.

Mit der Zeit erkannte ich jedoch, dass die glorreiche Wiedervereinigung ein historischer Witz gewesen sein muss. Am Ende stand eine Aufnahme der Menschen in die BRD, die zuvor teils ihr gesamtes Leben in einem anderen Land, einer anderen Welt verbracht hatten. Es ist mir bei der Argumentation egal, ob die DDR eine monströse Diktatur war, weil man den Menschen den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Der kulturelle und identitäre Schock hat unter anderem dafür gesorgt, dass die Risse unserer Gesellschaft noch heute spürbar sind. Natürlich sind sie das. Wie verblendet wäre ich, wenn ich glaubte, dass 30 Jahre ausreichen, um so eine Distanzierung zu egalisieren?

Meine Mutter war Ende 20. Meine Großmutter Mitte 50. Als würden Vergangenheit und Erinnerung einfach so verschwinden – beide leben heute mit der Entwicklung, die sie zur Hälfte (oder länger) in einer anderen Umgebung erlebt haben. Und die angesprochenen Ressentiments durch ältere Generationen haben sich in Jugendlichen der Zeit manifestiert und so erlebe ich es, dass Kinder ähnlich hohle Parolen wie damals weiter ausposaunen.

Neben der gesellschaftlichen Wahrnehmung bleibt auch die Ungerechtigkeit im wirtschaftlichen Sektor. Ich will dabei gar nicht auf Details wie den Soli eingehen, sondern schlicht darauf verweisen, dass wir auch nach 30 Jahren debattieren, inwiefern der Osten bei Wirtschaft und Infrastruktur gestärkt werden müsse.

Jeden Tag verspüre ich eine Dankbarkeit in diesem privilegierten Land zu leben. Aufgewachsen in Sachsen-Anhalt habe ich den Dom in Magdeburg bewundert. Nach dem Abitur habe ich den größten Teil meiner Zeit bei der Fahne im wunderschönen Flensburg gedient und tagtäglich mit der Ostsee von unendlicher Freiheit geträumt. Das Studium in Hannover lehrte mich Offenheit, die Konkurrenz von Lebensstilen und Meinungen zu akzeptieren und Vielfalt zu lieben: Der Kumpel aus England, der Barkeeper aus Burkina Faso, die homosexuellen Freunde, sie alle leben hier mit mir in Deutschland – denn sie gehören zur BRD wie Labskaus, Rostbratwurst und Käsespätzle.

München, Mainz, Berlin, Frankfurt, Dortmund, Stuttgart, Rostock, Leipzig – und Hannover haben mir gezeigt, wie unterschiedlich und wie schön Deutschlands Geographie ist, um zu verstehen, dass Vielfalt Stärke bedeutet. Ich brauche keine Debatte, wo es am schönsten ist, weil ich mittlerweile verstehe, dass das aus subjektiver Sichtweise entsteht.

Doch unser Land ist innerlich zerbrochen.

Politische Maßnahmen zum Ausgleich müssen weiter implementiert und umgesetzt werden. Doch ich möchte einen weiteren Rat geben, um den Schmerz über die Zerrissenheit der deutschen Seele zu lindern. Reisen.

Nicht nur in Corona-Zeiten sollten wir unser Land entdecken und schätzen lernen. Baden in Nord- und Ostsee, Wanderungen im Erzgebirge, Industrie im Ruhrpott, Skifahrten in den Bayerische Alpen, Radtouren im Taunus, Kletterspaß im Harz, Mecklenburgische Seenplatte erleben, Moore in der Lausitz, Geschichte des Schwabenländles, Wein an der Mosel, Nationalpark Eifel oder Spaziergänge durch den Schwarzwald.

Und wenn ihr all das Schöne dieser Regionen erlebt, dann gedenkt der Einheit Deutschlands, denn nur gemeinsam können wir eine gerechtere, offene, humanistische Gesellschaft erreichen, in der jeder Mensch seinen Wert hat und alle ihren Beitrag leisten.

Schönen Nationalfeiertag, Freunde.

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