Immer wieder kramen Akteure der Politik und Wirtschaft die Argumentation der „unsichtbaren Hand“ nach Adam Smith hervor. Sie referieren auf den Ökonomen, der proklamiert hatte, dass der Markt sich selbst reguliert. Beispiele gibt es dafür unzählige, so würde man davon ausgehen, dass Bäckereien daraus lernen, wenn sie zu viele Brote gebacken haben, daher am nächsten Tag weniger vorbereiten. Es fehlt die Nachfrage, man verändert das Angebot. So leicht, so veraltet.

Während der Schotte Smith zu seiner Zeit von ganz anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen ausging, leben wir heute in einer völlig neuen Weltordnung. Smiths Ansatz basiert darauf, dass viele Menschen Mangel erleiden und und zugleich rationale Akteure sind. In seiner Idee entwickelt er eine Ordnung, in der alle Akteure (Unternehmen und Privatmenschen) vernunft- und bedürfnisorientiert agieren. Man kaufe, was man benötige und man gebe ab, was nicht mehr hilfreich wäre. Auf dieser experimentellen Ebene erscheint der Ansatz schlüssig und nachvollziehbar.

Setzen wir uns aber mit der Moderne auseinander, muss jedem klar sein, dass unsere Existenz diesem Standard nicht gerecht wird. Die oft zitierte Konsumgesellschaft verbraucht schon lange nicht mehr nur das, was sie tatsächlich benötigt.

Jedes Jahr landen Tierabfälle im Müll, deren Menge jeglicher Beschreibung spottet. So gerne ich Fleisch verzehre, es wird mir dennoch speiübel, wenn ich sehe, wie viel Abfall und unnötige Belastung hier hervorgerufen wird. Es wird deutlich, dass bei der Gleichung, die Smith aufstellt, außen vor gelassen wird, was uns nicht wichtig ist. Der Abfall, der produziert wird, verschwindet und bleibt ignoriert, so dass gar nicht darüber diskutiert wird, dass der Markt hier völlig versagt, indem er durch blutige Prozesse wühlt, die unendliche Landschaften an totem Vieh hinterlassen, so lange wir fett gefüttert sind.

Abgesehen davon, dass wir die sprichwörtlichen Reste der Rechnung nicht bedenken, kommen weitere Probleme hinzu. Während Smith von einer fairen Verteilung ausgeht, die auf Bedürfnisse ausgerichtet ist, sind Konzerne daran nicht interessiert. Wie sollten sie auch – sie sind keine sozialen Wesen. Allein schon alle Aktienunternehmen sind per Gesetz verpflichtet, eine Gewinnmaximierung zu erzielen, um den Shareholdern Renditen auszuschütten, insofern wäre es absurd, darauf zu bauen, dass diese Firmen nach unseren Prinzipien handeln würden. Sie sind geradezu angehalten, alle möglichen Optionen auszuschöpfen, ohne dabei soziale, menschliche oder moralische Hintergründe zu bedenken. Nur so ist es ihnen möglich, dass in Pandemiezeiten Konzerne wie Amazon unverschämt reich werden und am anderen Ende der Nahrungskette Menschen verhungern.

An dieser Stelle erreicht mich immer wieder der Einwand, dass diese Menschen fleißiger seien, härter arbeiten und sich dieses Geld verdient haben. Ich mag nicht beurteilen, ob Bill Gates / Jeff Bezos oder die Walton Familie härter arbeiten, als es das Gesundheitspersonal derzeit leistet, allerdings kann ich sagen, dass ihre Unternehmen beweisen, dass es keine gerechte Verteilung gibt.

Neben dem Prinzip der maximalen Wertausschöpfung eines Konzerns, die so für Smith sicher kaum vorstellbar waren, ist das Internet nicht außer Acht zu lassen. Moderne Werbetechniken und Algorithmen prasseln auf den Benutzer in einer Masse ein, die auch willensstarke Menschen zum Teil zu Opfern des Marktes werden lassen, so dass viel zu oft Produkte, die keinerlei Mehrwert außer kürzeste Impulsgebung haben, im Umlauf sind und die Nachfrage beeinflussen und das Prinzip des Marktes perfide missbrauchen. Statt wahre Bedürfnisse zu befriedigen und das reale Leben zu verbessern, schaffen Unternehmen Angebote, die sich nach ihren Interessen richten und nicht nach der Bevölkerung. Dabei akzeptiere ich die Argumentation, dass es mir möglich sein soll, mich mit Impulsen zuzudröhnen, jedoch ist die schiere Menge Produkten und Dienstleistungen für viele so überfordernd, dass hier keine gesunden Märkte vorliegen.

Menschen, die in einem solch unausgeglichenem System am Arbeitsmarkt teilhaben, sind von immensen Nachteilen betroffen, so dass es ihnen in nur sehr seltenen Fällen überhaupt möglich ist, Chancen zu ergreifen. Vielen von uns bleibt die Chance gar ein Leben lang verwehrt – und ich wage zu behaupten, dass es unzählige Menschen gibt, die unter anderen Voraussetzungen ihr volles Potenzial ausschöpfen könnten, unsere Gesellschaft noch enger verknüpfen und dadurch den sozialen Zusammenhalt rapide steigern würden. An dieser Stelle sei jede Leserin und jeder Leser gefragt, ob ihm nicht auch schon Hürden aufgefallen sind, die finanzielle und selbstverwirklichende Optionen verwehrt haben. Das mögen Studiengebühren sein, es könnten Probleme der Infrastruktur sein oder es fehlten konkrete Förderungen, um nicht verschuldete Nachteile auszugleichen. Die individuellen Voraussetzungen einer modernen Biografie machen eine extreme Auslegung der „unsichtbaren Hand“ unmöglich, da zu viele Faktoren im Leben eines Menschen eine Rolle spielen, die jede Entscheidung auf wirtschaftlicher Ebene beeinflussen.

Weder auf wirtschaftlicher noch auf moralischer oder individueller Ebene kann die „unsichtbare Hand“ zutreffen, da sie eine ideell entwickelte Form aus einer längst vergangenen Zeit ist, weshalb ich dafür plädiere, sie zu studieren und zu verstehen, um daraus zu lernen.

Die zentrale Schlussfolgerung aus der Argumentation heraus ist, dass der Staat Verantwortung zu tragen hat, indem er ein soziales Netz aufbaut, das die Menschen schützt. Deutschland hat diesen Gedankengang verstanden und versteht sich daher als „soziale Marktwirtschaft“, was ich grundlegend tagtäglich wertschätze, da es hierzulande eine Absicherung gibt, die versucht, Menschen ein würdiges Leben zu bereiten.

Um eine noch gerechtete Gesellschaft zu fördern, werden wir in den Bereichen Sozialstaat, Bildung und Umverteilung drastische Reformen vornehmen müssen, so dass die Lehre aus der „unsichtbaren Hand“ nur sein kann, dass wir eine deutlich sichtbare, schützende Hand des Staates benötigen, um ein besseres Miteinander zu führen.

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