Leere Klassenzimmer

Wieder stehe ich vor einem leeren Klassenzimmer, vielen Kolleg*innen geht es ähnlich. Vor über einem Jahr wurde die Präsenzpflicht weitgehend ausgesetzt, um anschließend monatelang einen Weg zu gehen, dem eine langfristige Planung fehlte. Frühlingshafte Sonnenstrahlen blenden mich, ich rieche die Kreide und lasse die Gedanken schweifen, warum wir gefühlt noch immer nicht weitergekommen sind.

In den vergangenen 13 Monaten haben wir skandalöse Entwicklungen um die Verteilung von Ressourcen der Gesundheit wie Masken und Impfstoff gemacht. Experten, deren berufliche Aufgabe die Analyse solcher Krisen ist, werden mit dem Tode bedroht, ignoriert oder belächelt. Melanie Brinkmann, Christian Drosten und Karl Lauterbach kamen sich sicher mehr als einmal sehr einsam in der Öffentlichkeit vor.

Epidemiologe Hajo Zeeb in SWR Aktuell. „Wir haben jetzt das Gefühl, dass eine Trennung aufgetreten ist. Wir fühlen uns nicht an den allermeisten Stellen gehört, wenn es um die Einschätzung der steigenden Zahlen und dem, was zu tun ist, geht.“

Als sei das alles nicht schlimm genug, sehe ich ständig im Fernsehen, wie egozentrische Menschen ihre Kinder objektivieren und völlig ahnungslos politische Fachtermini mischen und gleichzeitig auf den Gräbern von 80.000 Menschen singen und tanzen. Diese Bilder und Erfahrungen betreffen uns als Gesellschaft und sind von der gesamten Politik zu verantworten, denn keine Partei kann sich da herauswinden, Regierung und Opposition haben in Teilen kläglich versagt, die Bevölkerung zu schützen.

https://www.swr.de/swraktuell/radio/wissenschaft-und-corona-wir-fuehlen-uns-nicht-mehr-ueberall-gehoert-100.html

Dieses Versagen kennen vor allem die Bevölkerungsgruppen, die auch sonst nicht im Mittelpunkt stehen. Wir sehen besonders das Leid des Pflegepersonals, die Verzweiflung der Kulturschaffenden und natürlich die Menschen in der Bevölkerung mit der kleinsten Lobby: Kinder. Symbolische Gesten, die keinerlei reale Wirkung erzielen, werden gefeiert, so dass man sich hier rühmt, mal geklatscht und mal Kerzen angezündet zu haben.

Dem gegenüber stehen die Global Player Deutschlands, die sich überraschenderweise keine Sorgen um die Krise machen müssen. Volkswagen erzielt Gewinne in Milliardenhöhe, Rechte wie Home-Office oder die Pflicht zum Testen könne man diesen Unternehmen nicht auferlegen und überhaupt gelte es an vorderster Front die Wirtschaft zu schützen.

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Volkswagen-Bilanz-Milliarden-Gewinn-trotz-Corona-Krise,vw5574.html

Armin Laschet will nun die Wirtschaft entfesseln, obwohl der Dax trotz Corona in den vergangen Monaten 70 % zugelegt hat. (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/corona-krise-so-will-laschet-die-wirtschaft-entfesseln-16988785.html) Vielleicht hätte er in meinem Politikunterricht sitzen sollen, um zu lernen, dass die „Soziale Marktwirtschaft“ sich einem starken Sozialstaat verpflichtet sieht und in Zeiten der Krise der Schutz aller Bürger*innen im Vordergrund stehen muss.

Leider kann ich derzeit ja nicht in Präsenz unterrichten, weil die Wissenschaft gegenüber der Wirtschaft ins Hintertreffen geraten ist. Auf Twitter teilen Experten mittlerweile zynische Memes, weil sie frustriert sind, dass ihre Stimmen beiseite geschoben werden. Das leidige Hin und Her der Ministerpräsident*innen im Streit um Machtvolumen führte dazu, dass über Monate kein Plan, keine Kriterien, keine Ziele formuliert wurden, sondern lange Konferenzen lediglich Schuldzuweisungen produzierten. Mit der „Notbremse“ wird eine Zahl als Marke definiert, die noch vor einem Jahr undenkbar war und gleichzeitig eine Kapitulation anerkannt. Die Menschen im Gesundheitswesen schreien lauthals nach Entlastung, während politische Akteure sich mit kleinsten Krümeln rühmen, die Lösung der Krise gefunden zu haben.

Vermutlich müssen wir akzeptieren, dass die Entscheidungsträger*innen die Pandemiebekämpfung aufgegeben haben und die Verantwortung an uns abgeben, wenngleich sie gewählt wurden, um uns zu repräsentieren. Einzig bleibt uns nun der Blick nach vorne, dessen Fokus darauf gerichtet sein muss, notwendige Schritte für eine neue Politik einzuleiten.

Es braucht einen Regierungswechsel, um den verdorbenen Status Quo aufzulösen und neu zu beginnen. Dazu müssen radikale Reformen umgesetzt werden, um die Probleme der vergangenen Monate anzugehen. Die Wissenschaft muss einen wichtigeren Platz in der Beratung der Regierung einnehmen, wohlhabende Unternehmen hingegen dürfen nicht mehr so viel Druck ausüben. Die endlose Liste korrupter Angehöriger des Bundestages muss uns eine Lehre sein, deutlich strengere und transparentere Auflagen aufzuerlegen. Und außerdem muss das Wahlalter auf 16 Jahre herabgesetzt werden, damit ein größerer Teil der Bevölkerung an politischen Entscheidungen partizipieren kann. Eine Forderung die Kevin Kühnert in meinem Podcast unterstrichen hat: Es brauche mehr Involvierung der Jugend und keine höheren Barrieren.

So lautet der Merksatz: Lassen wir uns die deutschlandweiten leeren Klassenzimmer eine Lehre sein und ergreifen eine historische Chance, den Fokus weg von Kapital zum Menschen und seinen Bedürfnissen zu verschieben, damit Bildung, finanzielle Sicherheit und demokratische Partizipation mehr wiegen als Euro-Zeichen in den Augen von Banken, Unternehmen und Politik.

Und jetzt alle von der Tafel abschreiben.

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