Aus seinen Fehlern lernen

In der Regel sind wir als Lehrer*inen mit allerlei Vorurteilen konfrontiert, die sich üblicherweise auf Arbeitszeit, Engagement und Freiheit beziehen, doch viel mehr als den Volksmund fürchten wir, dass unsere Methoden und Inhalte am Ende nicht bei den Schüler*innen ankommen. Die Regale im Arbeitszimmer stehen voll mit Piaget, Meyer oder Montessori, denn heute sitzen im Klassenzimmer zwischen 20 und 35 individuelle Personen, die verschiedenste Ansprüche und Ausgangspunkte haben, was den Unterrichtsinhalt und die -durchführung angeht.

Selbstverständlich kann nicht alles Wissen nur über theoretische Grundlagen erworben werden, so haben alle Pädagog*innen immer auch die Aufgabe, eigene Unterrichtspläne zu hinterfragen, zu reflektieren und gegebenenfalls an die Lerngruppe anzupassen, um bestmöglich alle Ziele zu erreichen. Eine solche Vorgehensweise kann natürlich nur funktionieren, wenn die Prämisse gilt, dass ich nicht perfekt bin und die Umstände sich kontinuierlich verändern. Man lernt eben aus seinen Fehlern.

Vielleicht fällt es mir – und vielen Kolleg*innen – deshalb so schwer, die aktuelle Strategie zur Bekämpfung der immer noch vorherrschenden Pandemie zu verstehen. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde an den Schulen erstmals die Präsenzpflicht ausgesetzt, um das Infektionsgeschehen zu verlangsamen. Die allgemeine Sprache war schon damals nicht der Freund von denjenigen, die sich mit aller Kraft gegen die Pandemie stellten, da von „Schulschließungen“ die Rede war, so dass ein weitaus dramatischeres Bild gezeichnet wurde, als hätte man transparent gemacht, dass die Präsenzpflicht ausgesetzt wird. Trotz aller Widrigkeiten haben tausende Kolleg*innen deutschlandweit berufliche und private Ressourcen angezapft, um weiterhin die Schüler*innen zu erreichen. Um berechtigte, sinnvolle Rechtsgrundlagen zu schaffen, benötigten viele Politiker*innen in der Regel eine Zahl oder ein Symbol, welche*s dann als Redewendung auf allen öffentlichen Kanälen proklamiert werden kann. Damals stand die Frage im Raum, ob die Grenze 35 oder 50 sein könne, aber wir „müssen jetzt spürbar unter 50 kommen, um es nicht dauerhaft über 50 schnellen zu lassen“ wird Jens Spahn, seinerseits Minister für Gesundheit, im WDR noch im Februar zitiert.

Die Aussetzung der Präsenzpflicht ist zu dieser Zeit ein zugegebenermaßen drastischer Schritt, erscheint aber im Sinne der Wissenschaft eine richtige Entscheidung, sogar wenn es damals noch nicht klar war, inwiefern Kinder von Covid-19 direkt betroffen sind.

Ganz im Sinne der Selbstreflexion hinterfragen sich auch die Entscheidungsträger*innen in Deutschland kontinuierlich, ob Maßnahmen, Vorgaben und Appelle noch wirksam seien, je nachdem wie die Lage beurteilt wird. Deutlich über ein Jahr nach dem Zitat von Spahn beschließt der Bundestag nach langer Diskussion innerhalb der Regierung die „Notbremse“ und verankert die Zahl der 165 in der öffentlichen Wahrnehmung.

Ich lobe die kritische Betrachtung der eigenen Maßnahmen, bin aber schockiert über die Ergebnisse, die schlicht unbegreiflich sind. Während 2020 lange Zeit unklar war, inwiefern Kinder möglicherweise betroffen sind, explodieren die Zahlen für Teenager momentan und lassen Augenbrauen in die Höhe schnellen, wenn deutlich wird, dass viele Städte und Kreise besonders bei Jugendlichen über dem Wert von 165 liegen. Dieses Argument vernachlässigt sogar noch, inwiefern Eltern und weitere Familienangehörige betroffen sind.

Ich teile dabei die Sorgen der Experten, wie Gernot Marx, Chef der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmediziner, der die Lage im Handelsblatt als „sehr, sehr angespannt“ bewertet. Virologin Melanie Brinkmann, in den vergangenen Wochen ebenfalls sehr medienpräsent, fordert einen proaktiven Umgang mit der Pandemie, indem sie auf die No-Covid-Strategie veweist. Dieser Weg beinhaltet drastische Vorgaben, die auch nicht gelockert werden, wenn die vorherige 50 unterschritten wird – das Motto steckt im Namen: „No-Covid“. Mehrere entsprechende Studien belegen, dass eine Mehrheit eine strengere, aber dafür klar ausgerichtete Vorgehensweise nicht nur akzeptieren würde, sondern erwartet.

Insgesamt schlägt die Forschung hier einen Weg vor, der von weiten Teilen der Bevölkerung getragen werden würde, käme man dann endlich weg vom chaotischen Zickzack, das nicht für eine pädagogische Reflexion steht, sondern vielmehr ein Symbol für staatliches Versagen ist, denn wenn die Repräsentanten des Volkes – das sind unsere Abgeordneten, auch wenn es nicht immer erkennbar ist – nicht im Sinne des gesundheitlichen Schutzes auf Basis wissenschaftlicher Forschung agieren, zerreißt das gesellschaftliche Band der Solidarität vor unseren Augen.

Wir erleben derzeit eine Devaluation grundlegender Werte, weil das Handeln in der Krise offensichtlich nicht von humanitären, aber profitablen Grundsätzen geleitet wird. Nicht nur die skandalösen Entwicklungen um Atemschutzmasken untermauern die Distanz zwischen den Bevölkerungsgruppen, von denen so viele sich als vergessen und ignoriert fühlen müssen. Der Artikel „Eltern sind der letzte Rest“ von Michaela Mahler findet ein breites Publikum, da er dieses Gefühl aufnimmt. Neben Eltern sind es immer die gleichen Schichten, die unter politischer Negation leiden: Pflegepersonal wird mit Klatschen abgespeist, dem Einzelhandel wird Aussicht gestellt, nach der Pandemie noch längere Öffnungszeiten zu leisten und Armin Laschet unterbreitet den Vorschlag, das Rentenalter nach hinten zu verschieben.

Statt in einer Krise als Gesellschaft zusammen zu wachsen, erleiden wir genau das, wovor am Ende nicht nur uns Lehrer*innen graut: Nichts aus Fehlern zu lernen. Vielmehr versuchen laute Stimmen derzeit, ihre Fehler totzuschweigen und die Folgen abzuwälzen – ein Verhalten, das in der Schule und im Alltag nicht akzeptabel ist, so dass wir uns jeden Tag, vor allem aber im September, ganz genau darauf besinnen sollten, was schief gelaufen ist und wie man Ziele und Methoden mehr auf den Menschen beziehen kann.

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