Wahlkampf-Geisterbahn

Betrachtet man den Wahlkampf der Union in den vergangenen Wochen, muss man feststellen, dass nicht im Himmel, sondern in deutschen Städten Jahrmarkt herrscht. Während sich das Wahlvolk darüber informieren möchte, wer Angela Merkel nach 16 Jahren beerben soll, hat sich zum ersten Mal ein Dreikampf gebildet. Mit einem nüchternen Olaf Scholz (SPD) und einer angriffslustigen Annalena Baerbock (Grüne) treibt man den Konservativen scheinbar Schweißflecken unter die Ärmel.

Ich hatte mich bereits kritisch dazu geäußert, dass der Auswahlprozess zwischen CDU und CSU zu einem echten Wahlkrampf mit nächtelanger Hängepartie geworden ist, wobei keiner der beiden Kandidaten Pluspunkte sammeln konnte. Mit der Entscheidung für Armin Laschet hat die Union die Marktschreier-Tage eröffnet – und dann auch geliefert.

Die Angst vor einem – berechtigten – historischen Absturz der Partei, die über viele Jahre als unumstößlich galt, führte zu einem absurden, bizarren und bisweilen gefährlichen Wahlkampf, der alle Nachteile der Konservativen mit Neonlicht zur Schau stellt.

Ein besonderes Ausstellungsstück dabei ist der Verlierer des Krampfes mit Laschet: Markus Söder. Nach außen hin lässt sich der Ministerpräsident nichts anmerken, doch innerlich wird die Schadenfreude groß sein, dass nun ausgerechnet die erzloyale Union unkt, man müsse den Kandidaten tauschen. Bei seinen regelmäßigen Auftritten für die Öffentlichkeit schämt sich der scheinbar verschmähte Prinz aber nicht, Scholz als Erbschleicher zu bezeichnen. Aus der Heimat des Märchenkönigs Ludwig hört man also Rufe, dass die Regierung eine Monarchie sei, auf die die Union ein Anrecht hätte. Viel undemokratischer mag es kaum gehen, doch man versucht es fleißig.

https://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/merkel-nachfolger-soeder-bezeichnet-scholz-als-erbschleicher-17515594.html

Die Personifikation eines Comic-Buch Bösewichts – Friedrich Merz – poltert täglich gegen die Gefahr einer Regierung, die tatsächlich mal für den Menschen arbeiten würde. In entsprechender Manier verlangt er, dass man nach der Wahl alle Sozialleistungen auf den Prüfstand stelle – und damit auch den Sozialstaat; etwas, das in unserem Demokratieverständnis festverankert schien.

Dabei zeichnet der Mann, der 1997 dagegen stimmte, Vergewaltigungen in der Ehe als Straftatbestand zu ahnden, eine düstere Version der Zukunft, in der die gesamte Gesellschaft zerbricht.

https://www.movassat.de/friedrich-merz-stimmte-gegen-den-straftatbestand-der-vergewaltigung-der-ehe

Ihm zur Seite steht dabei eine der Hauptattraktionen der Geisterbahn: Paul Ziemiak. Der Generalsekretär der Partei, die seit vier Jahren Regierungsgeschäfte mit Scholz durchführt, beschwört einen Bruch der Europäischen Union, obwohl es dafür keinerlei Indizien gibt. Aber jede gute Gruselgeschichte braucht einen Seher, der Unheil prophezeit, welches fast immer am Ende von ihm selbst angerichtet wird. Auch da lässt man sich nicht lumpen, denn ein progressives Bündnis zwischen den Roten (mal zwei) und den Grünen ist für Paul Z. eine gefühlte Rückkehr zu DDR-Zeiten. Die Linken dienen dabei als ideales Feindbild einer Rote-Socken-Kampagne, obwohl sie einen Ministerpräsidenten stellen und insgesamt in drei Bundesländern regieren, ohne dass souveräne, sozialistische Staaten ausgerufen worden wären.

https://de.euronews.com/2021/09/09/ziemiak-in-panik-cdu-generalsekretar-warnt-scholz-eu-planen

https://www.fr.de/kultur/tv-kino/anne-will-ard-ziemiak-warnt-katastrophale-folgen-fuer-deutschland-falls-cdu-nicht-regiert-tv-kritik-90949312.html

Dass Fakten jedoch keinerlei Bedeutung für den Wahlkampf im Stil eines Jahrmarktes haben, beweist der schockierende Höhepunkt: Hans-Georg Maaßen. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident ist der beste Beweis, wie antidemokratische Kräfte auf der rechten Überholspur sind, während man unter Unionsführung nur vor einem Linksruck warnt. Stattdessen verdreht der Kandidat für den Bundestag Tatsachen und wirft Grünen „Rassismus gegen die eigene Nation vor“ (was auch immer das heißen mag).

Unrühmlicher Fokus bleibt aber die Äußerung, zwei Weltkriege als „Deutschlands Versuch, die Welt zu retten“ zu titulieren und damit im mindesten Maße (pun intended) Geschichtsverdrehung zu betreiben – eher aber sogar Hass und faschistische Tendenzen anzustacheln.

https://www.fr.de/politik/hans-georg-maassen-cdu-chemnitz-hetzjagd-video-90529208.html

Ohne sich von solch antidemokratischen Äußerungen zu distanzieren, inszeniert sich Armin Laschet sogar als Schirmherr des jämmerlich-unwürdigen Schauspiels, welches man abschließend nur als erbärmlichen Versuch sehen kann, die eigenen Defizite und Unzulänglichkeiten mit Pomp und Pauke zu überspielen.

Dieser Versuch des Gruselkabinetts der CDU möge genauso scheitern, wie der Horror in den guten, alten Geisterbahnen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s