Der Schierlingsbecher

Das Antike Griechenland gilt auch heute noch als Geburtsstätte der Demokratie. Stolz erklärt man, dass zur damaligen Zeit ganz einfach partizipiert werden konnte. Ein Jeder war gefragt und durfte seine Stimme verlauten lassen. Der Fehler liegt dabei nicht nur im grammatikalischen Geschlecht, während die großen Versammlungen damals eine hohe Beteiligung suggerieren, so wurde die Mehrheit ausgeschlossen.

In diesem Sinne haben wir uns tatsächlich ein Vorbild an der Antike genommen, indem auch heute die Mehrheit vom politischen Prozess abgehalten wird. Zwar gibt es alles Jubeljahre Wahlen, die meist über 50 % der Wähler:innen mobilisieren, jedoch sind beispielsweise heute knapp 18 % des Volkes ausgeschlossen, da man für die Bundestagswahl erst ab 18 Jahren zugelassen wird. Aber hier sehe ich noch nicht mal den größten Kritikpunkt.

In Deutschland mag man gesetzlich pro Person eine Stimme haben, aber das bedeutet nicht, dass die Macht gleich verteilt ist. Notwendiger Lobbyismus als Expertise durch Fachpersonal wird in den Schatten gestellt, weil die Ausschüsse und Regierungsmitglieder ungleiche Besuche von Unternehmen erhalten.

https://www.naturfreunde.de/lobbyismus-foerdert-die-ungleichheit

Vor allem die Autoindustrie hat viel zu oft das Ohr der Gesetzgebung, während Umweltverbände in die Röhre schauen. Und es sind meist Röhren, die unsere Natur verschmutzen.

Ebenfalls erscheint es wenig gerecht, wenn Unternehmer Frank Thelen 500.000 € für eine Partei spendet, selbst wenn ich die Prämisse verfolge, dass er sich dieses Geld hart verdient hat – so ist sein Finger auf der Waage von Justizia spürbar.

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/thelen-und-gruender-spenden-halbe-million-euro-an-die-fdp-17416946.html

Diese Ungleichheiten zeigen sich auch in der fehlenden Diversität innerhalb des Bundestags. Während sich dieses Jahr viele junge Menschen bewerben, so überwiegen weiter ältere Menschen. Weiterhin bilden Juristen und Beamte den großen Block im Reichstag. Dass es auch weniger Frauen als Männer sind, erscheint kaum erwähnenswert, weil die Diskriminierung in einigen Parteien immer noch fest eingebaut ist. Gruppen, die so oder so mehr involviert sind, verfügen hier über mehr Macht und Mitbestimmungschancen, so dass deren Perspektive weiterhin verfestigt wird, wenn Gesetze in Kraft treten.

https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/mdb_zahlen_19/Berufe-529492

Statt den Gedanken der Partizipation auszuweiten, leben wir derzeit in einer Gesellschaft, die Ungleichheiten verstärkt und einige Menschen von ihrem Prozess ausschließt – nicht rechtlich, aber praktisch und so fühlt sich unsere Demokratie derzeit wirklich sehr antik an.

Finden wir keine Lösungen, um mehr Diversität in die Entscheidungen einzubinden, wird aus der demokratischen Idee eines Tages der Schierlingsbecher, dessen Folge alles zerstört, was wir an unserer Gesellschaft lieben.

Ein Gedanke zu “Der Schierlingsbecher

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