Reality Check

Im Film „Alles steht Kopf“ endet die Story mit differenzierten Erinnerungen und der Erkenntnis, dass das Leben nicht eindimensional ist, sondern Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken und Gefühle aller Arten uns formen und zu dem machen, was wir sind: Menschen. Wie oft haben wir uns geschämt, weil unsere Wünsche nicht mehrheitsfähig sind? Wie oft haben wir uns geschämt, weil wir nicht dem aktuell konstruierten Ideal der Gesellschaft entsprechen?

Es ist nahezu unerträglich, dass uns dauerhaft vorgegaukelt wird, dass wir individuell und frei sind, um uns so zu entwickeln, wie es für uns das Beste sei. Die Wahrheit sieht jedoch anders. Unser Staat hat extremen Nachholbedarf, wenn es darum geht, körperliche Selbstbestimmung zu stärken, dazu ist die Selbstverwirklichung auch weiterhin eine Frage des Geldbeutels, so dass vielen Menschen ihre soziale Entwicklung verwehrt wird, weil die Maut auf den Wegen so extrem teuer und unflexibel ist.

Scheinbar betrachten wir uns (und andere) nicht als Wesen komplexer Entwicklungen wie es im Film kindgerecht dargestellt wird, sondern versuchen uns viel mehr als Analysten von fertigen Portraits: Farben, Konzeption, Wirkung. Alles wird einem Urteil unterzogen, welches wir fällen, ob wir die Person und ihre Geschichte kennen oder nicht.

Als Jugendlicher wurde ich abgeurteilt, weil ich Tagebuch schrieb, kein Bier mochte (das gilt auch weiterhin) und Autos für mich nur aufgrund der Farbe interessant waren. Grundlegende Standardanforderungen an meine Rolle wurden nicht erfüllt und so fiel das Urteil der Umwelt dementsprechend aus. Mehr als einmal galt die Beschreibung „das schwarze Schaf“ mir. Dass das Leid, Wut und Frust in mir auslöste, spielte keine Rolle, da bei einer Bildanalyse ja nur das Äußerliche betrachtet wird, statt einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, verfestigte sich die Wahrnehmung mit jeder Betrachtung – und wenn man seine eigenen Ergebnisse mit den anderen teilt, so ergibt sich auch für neue Menschen eine Wirkung, die der Masse entspricht.

Wir werden in Rollen, Wünsche und Erwartungen gepresst, ohne dass man sich mit der Person beschäftigt. Es ist kein Wunder, dass die Frage nach unserer Identität unser ganzes Leben prägt. Und bei allem ist mein Blickwinkel so winzig, so eingeschränkt, dass ich nur den Kopf schütteln kann, wenn ich darüber nachdenke, was Menschen erleben, die nicht meine Privilegien genießen konnten.

https://www.deutschlandfunk.de/psychisch-krank-warum-eine-depression-nichts-mit-schlechter.2897.de.html?dram:article_id=497855

Diese Erkenntnis ist für mich letztlich der Grund, warum ich mich umschaue und eine zerbrochene Welt sehe. Führen wir uns vor Augen, wie wir geprägt wurden, wird es schmerzlich deutlich, dass unsere Ahnen unterunterbrochen traumatische Kriegserlebnisse fühlten, die Zweiteilung der Welt spürten, Unterdrückung und Ausgrenzung alltäglich merkten und trotz dieser tiefen Narben der Seelen nur allzu oft von Entscheidungsträger:innen alleine gelassen wurden. Wen wundert es da, dass das Volk politikverdrossen ist, dass ich vor Klassen stehe, die wissen, dass Unternehmen sie vergiften, aber bereits zu müde sind, um dagegen anzukämpfen und dass die Gruppen, die sich einsetzen von den Mächtigen belächelt oder bekämpft werden?

Niemanden wundert das, denn wir alle spüren unsere mehrdimensionale Seele, die wir nicht zeigen können, weil wir fürchten müssen, isoliert zu werden. Und das ist einfach unerträglich.

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