Zukunftsgedanken

Während auf der politischen Bühne das bizarre Schauspiel „Koalitionsverhandlungen“ dargeboten wird, schwillt die Wut in den drei Lagern mächtig an. Jede:r fühlt sich benachteiligt, betrogen und bisweilen verraten, obwohl noch gar kein Ergebnis feststeht. Als Zuschauer auf einem weit entfernten Oberrang betrachte ich das Spektakel durch das scharfe Wetterglas der sozialen Medien. Stündlich wird mir so ermöglicht, empört und gestikulierend meinen Unmut auszudrücken.

Es ist fast wie das Anstandszetern in unserer Gesellschaft, um sich selbst zu beweisen, etwas zu spüren. Je lauter die Stimme ertönt, desto mehr Empathie will man beweisen. Diskussionen im öffentlichen Netz finden selten faktenorientiert und sachlich statt, wenn es doch so viel leichter und persönlicher ist, wenn ich meine ganz eigenen Gefühle nicht nur herausposaune, sondern dabei noch Unterstützung von der Bühne erhalte, wenn das Theaterstück meine Empörtheit spiegelt.

Jedoch lernte ich erst vor kurzem von einer sehr klugen und reflektieren Frau: „Es geht gerade nicht um dich.“ Wie Recht sie damit hat, wird einem tagtäglich vor Augen geführt, weil die eigenen Interessen zwar ihre Berechtigung haben und auch Aufmerksamkeit verdienen, letztlich aber nicht die großen Fragen unserer Zeit betreffen.

Die Klimakatastrophe ist allgegenwärtig und das ist gut so. In den Köpfen scheint ein Umdenken stattzufinden, so dass die Chance auf eine nachhaltige Zukunft sehr, sehr einfache Formen annimmt, da die Arbeit von Millionen Aktivist:innen, zahlreichen ökologischen Unternehmen und nicht zuletzt einem Meer an Wissenschaftlern, welche flussauf- und abwärts für eine evidenzbasierte Handlungsorientierung werben. Und das jeden Tag, egal wie oft sie auf taube Ohren gestoßen sein mögen.

Während aber der Klimawandel seine Schatten vorauswirft, formiert sich in einem wenig beachteten Teil eine andere, ähnlich katastrophale Bedrohung. Obwohl „die Kinder“ gebetsmühlenartig als Argument angeführt werden, um Maßnahmen zu legitimieren oder zu egalisieren, so spürt man im direkten Kontakt doch, dass sie nicht die höchste Priorität genießen.

Viele Erlasse und Verordnungen versuchen Erleichterung zu ermöglichen, andere sollen den Kindern mehr Zeit geben, Unterrichtsstoffe aufzuholen. Ich kann diese Versuche wertschätzen und nachvollziehen, dass einige Kinder unbedingt Hilfe brauchen, Inhalte zu erarbeiten und sie mögen womöglich das ein oder andere Thema verpasst haben, keine Frage. Doch mit einer Pandemie, die sich in das dritte Jahr frisst und weiterhin unersättlich Opfer findet, denke ich darüber nach, ob es nicht noch andere Aspekte des Lebens gibt, die wir bei aller Aufregung vergessen. Oder vielleicht sogar verdrängen.

Schon vor der zerstörerischen Krankheit ist uns Lehrkräften bewusst gewesen, dass der Umgang mit den kommenden Generationen nicht hoch im Kurs steht – ist die Zukunft unserer Gesellschaft denn kein gutes Investment? In diesem Feld (wie in so vielen anderen) hat die Pandemie nicht nur das Scheinwerferlicht angeworfen, sondern die Situation deutlich verschlechtert. Es sind kleine Indikatoren, die wir als Pädagogen und Eltern dennoch fühlen.

Die Schule ist vermehrt ein Ort geworden, den man weniger als Chance auf Entfaltung sieht, weil der gesellschaftliche Druck die Bildungsinstitution in einen Kessel gewandelt hat, der auf dem letzten Loch pfeift. Aggressionen, Schulängste, Isolation – es sind Symptome, die zwar zuvor immer mal wieder auftauchten, sich aber jetzt, wie die Pandemie, exponentiell steigern.

Mein Appell lautet dennoch nicht, dass Pflichten und Schutzmaßnahmen aufgehoben werden, sondern ich verlange von den Menschen in Entscheidungsposition, dass das Wohl der Kinder mehr in den Fokus gelegt wird. Wir dürfen nicht nur über die Kinder im Zusammenhang mit der Pandemie sprechen, denn das machen wir schon seit einiger Zeit.

Vielmehr müssen wir uns klar machen, dass in den nächsten Jahren viele Kinder zum ersten Mal auf Klassenfahrt fahren – und das eine Herausforderung darstellt. In wenigen Jahren werden zigtausende junge Menschen in die Berufswelt einsteigen, nachdem sie ihre prägendsten Jahre wegen Solidarität (und entsprechender Vorgaben) in Isolation verbracht haben. Es wird pädagogisches, psychologisch geschultes und soziales Personal brauchen, um eine Infrastruktur von Empathie und Verständnis zu schaffen, damit die Pandemie menschlich nachbereitet werden kann.

Diese riesige Herausforderung darf bei allen Bühnenauftritten der Politik nicht in den Hintergrund treten, denn wir sollten uns öfter mal vor Augen halten: Es geht gerade nicht um uns.

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